Der V-Stil im Skispringen : Jan Boklöv: Per Zufall zum Visionär

Kauz und Revolutionär: Vor drei Jahrzehnten bestritt Jan Boklöv, der schwedische Erfinder des V-Stils, seinen ersten Skisprung-Weltcup.

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Jan Boklöv wurde zunächst nur als Froschspringer bezeichnet, bis er Erfolge feierte.
Jan Boklöv wurde zunächst nur als Froschspringer bezeichnet, bis er Erfolge feierte.Foto: imago/Bildbyran

Er musste ja selbst über sich lachen. „Es sah einfach zu komisch aus. Wie ein Witz“, sagt Jan Boklöv. Und so störte es ihn auch nicht, dass die anderen Athleten über ihn lachten und er von den Stadionsprechern als „der Froschspringer“ angekündigt wurde. Wie der Schwede mit seinen Skiern sprang, gespreizt statt parallel, war damals Ende der achtziger Jahre einfach zu ungewöhnlich. Boklöv war ein verkannter Visionär. Vor 30 Jahren, am 30. Dezember 1986 in Oberstdorf, bestritt er sein erstes Weltcup-Springen, zwei Jahre später setzte er den V-Stil zum ersten Mal im Wettkampf ein.

„Jan Boklöv hat das Skispringen revolutioniert“, sagt Jens Weißflog. Der dreimalige Olympiasieger und viermalige Vierschanzentourneesieger, der zur gleichen Zeit wie Boklöv aktiv war, beschreibt dessen Stil als eine so wichtige Entwicklung im Skispringen, „wie sie sonst nur im Hochsprung mit dem Fosbury-Flop vergleichbar ist“. Boklöv hat seinem Sport damit ganz neue Möglichkeiten verschafft. „Es ist auch schwer zu glauben, dass es etwas Besseres geben wird“, sagt Weißflog.

Boklöv nimmt sich bezüglich seiner sporthistorischen Bedeutung eher zurück. „Ich habe die Welt nicht verändert, die Welt hat sich nach mir verändert“, sagt der 50-Jährige, der mittlerweile in Stockholm wohnt und dort einen Skiverein beim Bau einer Schanze berät. Vielleicht sieht sich Boklöv auch deshalb nicht als Genie des Skispringens, weil er ganz zufällig zum V-Stil kam. Im Sommertraining 1985 in Falun blies der Wind stark von vorn, im Flug schob Boklöv den Oberkörper weiter nach vorn als sonst, plötzlich rissen die Ski weit auseinander und er flog fast 20 Meter weiter als vorher.

Verkannter Visionär. Am Anfang hatte Boklöv mit seiner Erfindung bei Konkurrenten und Juroren einen schweren Stand.
Verkannter Visionär. Am Anfang hatte Boklöv mit seiner Erfindung bei Konkurrenten und Juroren einen schweren Stand.Foto: imago/Bildbyran

Zunächst wusste Boklöv selbst nicht, was da passiert war. „Ich dachte nicht, dass man so springen kann“, sagt er. „Ich hatte erwartet, dass mit dieser Technik die Skier komplett weggerissen werden.“ Aber er sprang jedes Mal deutlich weiter. Schließlich kam er auf den Grund: Die gespreizten Skier bieten dem Wind eine größere Fläche und verbessern die Aerodynamik immens. Und so nahm er sich vor, den V-Stil weiterzuentwickeln, bis er sich sicher genug fühlte, um ihn auch im Wettkampf zu springen. Das dauerte allerdings noch eine Weile.

„Ich brauchte viel Zeit“, sagt Boklöv. „Mal gelang mir ein guter Sprung, dann bin ich wieder gestürzt. Ich habe es einfach sehr oft probiert.“ 1988 traute er sich dann, auch im Weltcup im V-Stil zu springen. Zunächst jedoch mit mäßigem Erfolg. Er sprang zwar oft mehrere Meter weiter als die Konkurrenten, wurde von den Juroren aber benachteiligt und bekam durchweg schlechtere Noten als die Parallelspringer. „Deshalb haben wir anderen ihn am Anfang auch nicht für voll genommen“, sagt Weißflog. „Wir hielten es für seine Eigenart.“ Zumal Boklöv immer schon als zurückhaltender, eigenbrötlerischer Typ galt.

Am 10. Dezember 1988 gewann Boklöv in Lake Placid schließlich sein erstes Weltcup-Springen. Plötzlich versuchten sich auch andere Athleten am V-Stil – das half zunächst besonders Boklöv. „So konnte ich meinen Stil zum ersten Mal live sehen, vorher hatte ich ja nur meine eigenen Videos“, sagt er. Da die anderen Springer leichte Anpassungen vornahmen, konnte auch er sich etwas abgucken. Vier weitere Siege kamen in dieser Saison hinzu, schließlich gewann er sogar den Gesamtweltcup 1988/89.

Boklöv konnte von seiner Erfindung nicht lange profitieren

„Spätestens da setzte ein Mentalitätswechsel ein“, sagt Weißflog. Auch er stieg dann vom Parallel- auf den V-Stil um. „Die Umsetzung war aber sehr schwierig, ich hatte ein ganz anderes Gefühl“, sagt der heute 52-Jährige. So dachte Weißflog damals, er springe ein V, tatsächlich spreizte er aber nur einen Ski nach außen und flog im halben V. Es dauerte eineinhalb Monate, bis er merkte, dass er im Flug seine linke Schulter etwas weiter nach vorne schieben muss. Dann öffnete sich auch sein linkes Bein und er sprang im vollen V. „Mit Wind von vorne war das ein anderes Auftriebsgefühl“, so Weißflog.

Ab 1990 setzte sich der V-Stil dann im gesamten Feld durch. Jan Boklöv konnte von seiner Erfindung nicht mehr profitieren, er versank im Mittelfeld und hörte 1993 auf. Dass er die Entwicklung seines Sports radikal beschleunigt und das Skispringen insgesamt viel sicherer gemacht hat, verschafft ihm aber keine zusätzliche Genugtuung. „Ich habe es ja für mich getan“, sagt er. „Und nicht für die anderen.“

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