Sport : Der Verband macht sich dünn

Vor der am Montag beginnenden Vierschanzentournee versuchen Trainer und Funktionäre, die Debatte über das Untergewicht der Springer zu stoppen

Benedikt Voigt

München. Das soll es im Laufe des Heiligen Abends bei den Hannawalds in Jettingen-Scheppach zu essen gegeben haben: ein Marmeladenbrot zum Frühstück, als Abendessen einen Gänsebraten mit Rotkohl und Knödel. Dazu soll am Nachmittag zu zwei Stück Christstollen aus dem Erzgebirge ein Glas Rotwein kredenzt worden sein. Die „Abendzeitung“ in München machte sich die Mühe, anhand dieses Speiseplans die Kalorien auszurechnen, die der Skispringer Sven Hannawald am 24. Dezember zu sich genommen haben dürfte. Sie kommt auf die stattliche Zahl von 2300 Kalorien. Ist das der Beweis, dass an den Hungervorwürfen gegen die deutschen Skispringer nichts dran ist? Sein Teamkollege Frank Löffler hat in einem Interview über Sven Hannawald gesagt: „Ich war geschockt, als ich das erste Mal zur Nationalmannschaft kam und sah, wie wenig er isst.“

Es ist ein heikles Thema, das der deutsche Skispringer vor zwei Wochen angestoßen hat und das seither die Sportart begleitet. Der Deutsche Skiverband (DSV) versucht nun vor dem Beginn der Vierschanzentournee in Oberstdorf am Montag, die öffentliche Diskussion darüber einzudämmen – so gut das geht. Der DSV-Sportdirektor Thomas Pfüller untersagte es den Verantwortlichen im deutschen Skisprungteam, sich künftig negativ über Frank Löffler zu äußern. Damit beugt der Verband einer weiteren Eskalation vor. „Wir haben uns mit Frank Löffler und seinem Anwalt darauf geeinigt, dass wir vom DSV uns über den Fall nicht mehr äußern“, sagte Pfüller der „Süddeutschen Zeitung“. Das Redeverbot für Bundestrainer Wolfgang Steiert und den Sprungdirektor Rudi Tusch gleicht allerdings fast einer Rüge. Pfüller sagt: „Mit dieser Problematik werden wir uns noch beschäftigen.“

Zentraler Punkt ist ein Brief, der vom Sprungdirektor Rudi Tusch unterzeichnet worden ist. Darin heißt es, dass Löffler einzig wegen seines Übergewichts aus der Mannschaft geworfen wurde. Statt 72 Kilogramm hätte der 1,87 Meter große Skispringer höchstens 68 Kilogramm wiegen sollen, behauptet Löffler. „Das ist kein Skispringen, das ist Kampfwiegen“, beklagte sich der 23-jährige Löffler öffentlich, „jeder unterwirft sich diesem absurden Hungerdiktat. Das ist permanenter Terror.“ Tusch und Steiert konterten und warfen Löffler einen unsoliden und unprofessionellen Lebenswandel vor.

Nun aber, da die Vierschanzentournee ansteht, sollen alle Seiten schweigen. Über den folgenreichen Brief wolle man sich im Verband erst später unterhalten. „Es gibt verschiedene Aussagen, wie er zustande kam“, sagt Thomas Pfüller, „das müssen die erläutern, die ihn geschrieben haben und dabei vielleicht nicht richtig nachgedacht haben.“

Unstrittig ist, dass das Gewicht im Skispringen eine wichtige Rolle spielt. Ein schwergewichtiger Springer kommt schon aus Gründen der Schwerkraft nicht so weit wie ein leichter. Skispringen ist eine Sportart zumeist kleiner, leichtgewichtiger Jungen und Männer. Doch wie leicht darf ein Springer sein? Zu wenig Gewicht wirkt sich mitunter kontraproduktiv aus.

Als Sven Hannawald vor drei Jahren an einer Magersucht entlangschrammte, war auch seine Leistung auf dem Tiefpunkt. Er hatte nicht mehr die Kraft für einen guten Absprung. Erst als er eine Auszeit nahm und drei bis vier Kilogramm zulegte, gewann er 2001/2002 alle vier Springen bei der Vierschanzentournee. Inzwischen wiegt er 63 Kilogramm, bei einer Größe von 1,84 Meter. Dick ist das nicht. „Schon als Kind war er immer so dürr“, sagt seine Mutter Regina, „er konnte essen, was er wollte, er hat einfach nicht zugenommen.“

Vielleicht wird man Frank Löffler, der künftig für ein anderes Land springen will, eines Tages dankbar sein. Denn nun denkt der Internationale Skiverband Fis wieder intensiver darüber nach, wie man dem Trend zu untergewichtigen Skispringern entgegenwirken kann. Der Fis-Skisprungchef Walter Hofer hat eine Formel vorgestellt, womit ein Idealgewicht im Verhältnis zur Körpergröße errechnet werden kann. Wer unter diesem Idealgewicht liegt, wird mit einer Kürzung der Skier bestraft und muss auf etwas Tragfläche verzichten. Die Resonanz auf diesen Vorschlag war positiv. „Es wäre sicher nicht schlecht, wenn man drei bis vier Kilo mehr wiegen könnte und trotzdem noch konkurrenzfähig wäre“, sagt der deutsche Skispringer Martin Schmitt. Thomas Pfüller sieht ebenfalls Handlungsbedarf. „Wir werden uns etwas einfallen lassen, mit Athleten, Trainern und Ärzten sprechen und dann auf den Weltverband zugehen“, sagt der Sportchef des Deutschen Skiverbandes.

Bis es zu einer Regeländerung kommen kann, ist es noch eine Weile hin. Bis dahin müssen sich die Skispringer gefallen lassen, dass sie fortan aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden. Um den Typ Sven Hannawald zu beschreiben, sagte Wolfgang Steiert früher gern: „Der Sven ist jemand, der um 13 Uhr sein Mittagessen braucht, sonst wird er grantig.“ Inzwischen wird er sich zweimal überlegen, ob er diesen Satz sagen will. Denn nun hört es sich so an, als würde Sven Hannawald den ganzen Vormittag nichts zu essen bekommen.

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