Sport : Der Verein bin ich

Reiner Calmund hat Bayer Leverkusen wieder allein unter Kontrolle

Friedhard Teuffel

Berlin - Als Reiner Calmund dieser Tage im Berliner Hotel Palace saß, wollte er schnell etwas beweisen: „Ich bin einer der beliebtesten Menschen.“ Also suchte er die Lobby nach bekannten Gesichtern ab. Hinter ihm entdeckte er den Chefkoch des Hotels, den zupfte er am Ärmel und fragte ihn: „Ich hab doch viel Herz, oder?“ Der Chefkoch sagte: „Na klar.“ Das genügte, Calmund konnte sich wieder in seinem Sessel zurücklehnen.

Seltsam ist nur, dass einer der beliebtesten Menschen bald alleine gelassen wird auf der Führungsebene des Fußball-Bundesligaklubs Bayer Leverkusen. Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser wechselt zur Deutschen Fußball-Liga und Sportmanager Ilja Kaenzig zu Hannover 96. Dabei hatte Calmund Holzhäuser doch abgeworben vom Deutschen Fußball-Bund und Kaenzig schon als Nachfolger für sich bezeichnet. Hat Calmund, der Manager, die beiden etwa vertrieben? Ist er nicht fähig zur Gruppenarbeit? Oder verschließt er einfach sein großes Herz, sobald sein persönlicher Einfluss geschwächt werden könnte?

Dass Holzhäuser geht un Kaenzig auch, passt jedenfalls nicht ins Geschichtsbild, das Calmund ausgerufen hat: „Die Zeit der Dinosaurier ist vorbei.“ Der 55 Jahre alte Calmund wollte glauben machen, dass jetzt eine neue Generation die Macht in der Bundesliga übernimmt, eine Generation von jungen Managern mit Masterabschlüssen von europäischen Elite-Universitäten. Kaenzig zum Beispiel ist erst 30 Jahre alt und hat in Lausanne Betriebswirtschaft studiert. „Der kann mehr Sprachen als Holzhäuser und ich zusammen“, sagt Calmund. Weil er von Kaenzig so begeistert war, holte er ihn 2002 von den Grasshoppers aus Zürich.

Doch jetzt verlässt Kaenzig Leverkusen. „Das ist eine Niederlage für mich“, sagt Calmund. In Hannover wird der Schweizer den sportlichen Bereich verantworten, also die gleiche Stufe erreicht haben wie Calmund. Einerseits hat Calmund daher Recht mit dem Ende der Dinosaurier. Nur den eigenen Verein hat er bei seiner Einschätzung vergessen.

In Leverkusen geht die alte Zeit weiter, und das liegt vor allem am Dinosaurier selbst. Calmund wirkt wie ein fröhliches Urlebewesen der Bundesliga, weil er noch immer nach seinen Methoden arbeitet. Auch er hat Betriebswirtschaft studiert, aber er will Entscheidungen mit seinem Charisma, seiner authentischen Art durchsetzen, er liebt die Plauderei, eine Antwort besteht für ihn aus mindestens fünf Sätzen. Calmund kann nicht loslassen von Bayer Leverkusen, dem Verein, an dessen Wandel vom Werksklub zum Spitzenverein er sicher den größten Anteil hat. „In Leverkusen halte ich für alles die Rübe hin, und ich habe die längste Erfahrung. Da lasse ich mir nicht sagen, wo es langgeht.“ Er ist da wie der Besitzer eines Familiengeschäfts. Als einmal ein Vorstandsmitglied von Bayer seinen Vertrag verlängern wollte, war er irritiert: „Warum will der meinen Vertrag verlängern? Das ist doch mein Verein.“

Für so viel Herz, das er aufbringt, möchte er auch viel Macht haben – und trotzdem Harmonie. Es ist ihm wichtig zu erzählen, dass er gemeinsam mit Kaenzig und dessen Frau zum Abschied im Hause Calmund drei Flaschen Wein getrunken hat und dass Frau Kaenzig vor Rührung geweint hat. Dafür ist er empfänglich, genauso wie er verletzlich ist durch Misserfolg. „Für Sieg und Niederlage werde ich anfälliger, je älter ich werde.“

Vielleicht sagt er auch deshalb: „Ich möchte 2006, 2007 kürzer treten.“ Er will dann tatsächlich die Macht abgeben und für seinen Verein nur noch als Sponsorenbetreuer arbeiten oder als Talentsucher. Seine Karriere im Fußball begann schließlich mit 19 Jahren als Trainer der B-Jugend mit einer Mittelrhein-Meisterschaft. Wenn er seine Nachfolge regeln will, muss er bald zwei Kandidaten finden, denn der Klub der Zukunft sieht für Calmund so aus: „An der Spitze stehen ein charismatischer Typ aus dem Fußball und ein Businessmann.“ Aber das ist nur die Zukunft in Leverkusen, die Gegenwart heißt Calmund und dauert wohl noch mindestens zwei Jahre. Sein Herz und seine Härte, das muss reichen für den Erfolg. Calmund sagt: „Stahlhelm auf – und noch mehr malochen.“

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