Sport : Der vergebliche Kampf des Michael Ballack

Deutschlands Kapitän verpasst zum zweiten Mal das WM-Finale – weil er sich wie vor vier Jahren für die Mannschaft geopfert hat

Stefan Hermanns[Dortm]

Michael Ballack kämpfte bis zum Schluss. Seine Stimme oszillierte bereits bedrohlich. Die Backenknochen malmten, seine Wangen zitterten. Ballack biss sich mit den Schneidezähnen auf die Lippe, um die Kontrolle zu behalten. Er versuchte auch die letzte Frage noch zu beantworten. „Ja klar, jetzt im Moment natürlich net“, fing er an. „Das ist …“ Er rang mit den Worten und gegen die Tränen. „Simmer enttäuscht … Und … Klar, wenn mal jetzt ’ne Woche oder so vergeht …“ Weiter kam Ballack nicht. Bevor er erneut in Tränen ausbrach, drehte er sich weg und ging.

Der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft stand am Dienstag zum zweiten Mal im Halbfinale einer Weltmeisterschaft – zum zweiten Mal löste sich dieses Erlebnis für ihn in Tränen auf. Vor vier Jahren in Seoul ist seine persönliche Tragik noch größer gewesen. Es ist die 72. Minute, es steht noch 0:0, als vier koreanische Angreifer auf drei deutsche Verteidiger zulaufen. Lee hat den Ball am Fuß, Ramelow lässt ihn passieren, Ballack weiß, dass er den Koreaner nur noch mit einem Foul stoppen kann. Und er weiß auch, dass er dafür eine Gelbe Karte sehen wird, seine zweite. Ballack grätscht, er trifft Lee – und verhindert das 0:1. Drei Minuten später erzielt er das 1:0, das einzige Tor des Spiels. „Er hat getan, was wenige getan hätten“, sagt Rudi Völler, der Teamchef, nach dem Spiel. Für Torhüter Oliver Kahn ist Ballacks taktisches Foul „charakterlich eine der größten Aktionen, die ich je von einem Sportler erlebt habe“. Die Deutschen stehen im Finale, Ballack muss zuschauen, wie die Mannschaft ohne ihn 0:2 verliert.

Rudi Völler spricht noch heute gelegentlich den Wunsch aus, das WM-Finale 2002 einmal mit Michael Ballack zu spielen. Doch es gibt keine zweite Chance. Es gibt sie auch nicht für Michael Ballack. „Na ja, es soll halt nicht sein“, sagte er nach dem 0:2 gegen Italien. „Es ist – bitter.“ Auf den Videowänden im Westfalenstadion ist nach dem Abpfiff sein Gesicht zu sehen. Ballack hat ein italienisches Trikot in der Hand. Er weint.

Im September wird Ballack 30 Jahre alt, bei der nächsten WM ist er fast 34, so alt wie Zinedine Zidane jetzt. Kann ihm das Hoffnung machen? Vielleicht ist Michael Ballack in den Momenten nach dem Schlusspfiff durch den Kopf gegangen, dass er in ein paar Jahren seine Karriere beenden wird, ohne Weltmeister geworden zu sein. Rudi Völler, der Weltmeister von 1990, hat gesagt, Weltmeister bleibe man sein Leben lang. Aber Vizeweltmeister? Oder WM-Dritter? Jens Lehmann, 36, wird in seinem Leben kein Weltmeister mehr, genauso wenig wie Bernd Schneider, der 2002 im WM-Finale sein wohl bestes Länderspiel bestritt, und Oliver Kahn, der im Endspiel 2002 den Fehler seines Lebens machte. Kahn ist nur noch Ersatztorhüter. Als die Mannschaft in Dortmund ihre Abschiedsrunde dreht, verschwindet er in die Kabine. Auf Socken.

Michael Ballack hat sich auch bei dieser WM wieder für seine Mannschaft geopfert, nur ist das bei weitem nicht so aufgefallen wie vor vier Jahren in Asien. Vor allem aber wurde es so gut wie gar nicht gewürdigt. Der erste Eindruck von Ballack ist nämlich ein anderer gewesen. Der angeblich torgefährlichste Mittelfeldspieler der Welt, der noch 2002 im Viertel- und im Halbfinale das jeweils einzige Tor des Spiels erzielt hatte, hat bei der WM in Deutschland in fünf Spielen kein einziges Mal getroffen. Es liegt vor allem an der Rolle, die Ballack entgegen der ursprünglichen Vorstellung von Bundestrainer Jürgen Klinsmann spielen musste: nicht mehr direkt hinter den Spitzen, damit er möglichst oft zum Torabschluss kommt, sondern direkt vor der Abwehr, um der deutschen Defensive die nötige Stabilität zu verleihen.

Im modernen Fußball ist der defensive Mittelfeldspieler dazu da, dem ganzen Team ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Es zählt zur Paradoxie dieser Position, dass der Sechser seinen Job immer dann besonders gut erledigt hat, wenn er nicht weiter aufgefallen ist, sondern den Rest der Mannschaft gut hat aussehen lassen. Bei den Deutschen ist es während der Weltmeisterschaft umgekehrt gewesen. Von allen Spielern hat Torsten Frings das meiste Lob abbekommen, am allermeisten nach dem Viertelfinale gegen Argentinien. Frings ist der Mann aus dem defensiven Mittelfeld, und Michael Ballack hat bei der WM so gespielt, dass Frings fast immer gut aussehen konnte: weit zurückgezogen.

Nie allerdings war das Missverhältnis größer als im Spiel gegen Italien, als Frings gesperrt fehlte und der überehrgeizige Sebastian Kehl dessen Position einnahm. Kehl ist in Dortmund zu Hause, und genauso führte er sich auch auf. Von der ersten Minute an musste Ballack, der offensive Mittelfeldspieler, Kehl, dem defensiven Mittelfeldspieler, den Rücken frei halten. Kehl hielt sich vor dem Strafraum der Italiener auf, Ballack vor dem eigenen. Dass der Kapitän als Manndecker für den Italiener Totti eine gute Figur machte, ist die eine Sache. Die Frage ist nur, ob die deutsche Mannschaft sich diesen Luxus erlauben kann.

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