Sport : Der Verlierer, der ein Sieger war

Witali Klitschko verprügelt Lennox Lewis – und muss trotzdem wegen einer Augenverletzung aufgeben

Hartmut Scherzer

Los Angeles. Witali Klitschko saß fassungslos auf seinem Schemel. Plötzlich kam Lennox Lewis mit erhobenen Fäusten aus seiner Ecke. Die Pose des Siegers. Gewichtige Männer versammelten sich im Ring. Witali Klitschko verstand die Welt nicht mehr, stand auf und versuchte aufgebracht, sich den Weg durch das Gewühl zum Weltmeister zu bahnen. Bruder Wladimir hielt ihn zurück und redete beruhigend auf ihn ein. Alles vorbei. Ringrichter Lou Moret hatte auf Anweisung des Ringarztes Paul Wallace den Kampf nach der sechsten Runde abgebrochen.

Wegen der schweren Verletzung über dem linken Auge habe Klitschko nichts mehr sehen können, befand der Arzt. Das herunterhängende Lid habe die Pupille verdeckt. Ringsprecher Michael Buffer waltete seines Amtes: Sieger durch Technischen K.o. nach der sechsten Runde und weiterhin unumstrittener Weltmeister im Schwergewicht: Lennox Lewis. 16 000 Zuschauer im Staples Center in Los Angeles reagierten mit wütenden Buhrufen, als Lewis die Gürtel seiner Weltmeisterschaft durch den Ring trug. Aufbrausender Jubel toste dann durch die riesige Arena, als Witali Klitschko die Arme hoch riss. Der Verlierer war der Gewinner. Der Champion hat sich blamiert. Der Underdog hat sich mit Herz in die Herzen der Zuschauer geschlagen.

In einer brutalen Prügelei wie anno 1920 und ganz nach dem Geschmack des amerikanischen Publikums – ohne Finten und Finessen, ohne Taktik und Technik einfach mit aller Gewalt mutig und wild draufhauen – hatte der krasse Außenseiter aus der Ukraine alle mit seiner Courage überrascht. Am meisten den übergewichtigen und überheblichen Weltmeister, diesen Bob Marley im Kleiderschrankformat. Klitschko blieb ihm keinen Schlag schuldig, traf in der zweiten Runde mit seiner Rechten sogar so hart, dass der Boxer mit den Rastalocken umgefallen wäre, wenn er denn das ihm nachgesagte Glaskinn hätte.

Auch eine klaffende Risswunde unter der linken Augenbraue ab der dritten Runde, Platzwunden und Schwellungen auf dem linken Jochbein und all das Blut konnten den ukrainischen Draufgänger nicht zurückhalten. Der ältere Klitschko war 2,02 Meter und ein ganzer Kerl. Von wegen „Weichei“, wie ihn die amerikanischen Kommentatoren verspottet hatten, als er wegen einer Schulterverletzung gegen Chris Byrd vor drei Jahren aufgab. „Er hat den Ruf der Klitschkos wieder hergestellt", teilte der Analyst des Senders HBO, Larry Merchant, seinen Zuschauern mit. Alle drei Punktrichter hatten den 31-Jährigen nach sechs Runden mit 58:56 Punkten vorn. „Klitschko ist mein Held. Er hätte den Kampf über zwölf Runden nach Punkten gewonnen", behauptete Altmeister George Foreman angesichts der schlechten Form des hohen Favoriten, fand aber den Abbruch „korrekt".

„Ich habe gespürt, wie Lewis müde wird. Er hatte keine Kondition. Ich hätte gewonnen, ihn k.o. geschlagen", sagte Klitschko. „Ich konnte bestens sehen, jeden Schlag. Ich bin bestürzt und kann nicht begreifen, warum abgebrochen wurde. Der Arzt und der Ringrichter haben nicht mit mir gesprochen. Ein Kopfstoß hat die Verletzung verursacht." Trainer Fritz Sdunek schimpfte: „Wir wurden beschissen. Witali war durch die Verletzung nicht behindert. Noch zwei Runden, dann wäre Lewis platt gewesen." Bruder Wladimir Klitschko sagte: „Ich bin stolz auf meinen Bruder."

Noch im Ring und später auf der nicht minder unterhaltsamen Pressekonferenz führten die beiden Giganten ihr „Schlagfest“ (Lewis) mit deftigen Worten fort. „Ich bekam gerade meinen zweiten Wind", tönte Lewis und verwies auf die beiden Aufwärtshaken in der sechsten Runde, die Klitschkos Kopf bis in den Nacken hoch gerissen hatten. „Definitiv: Ich hätte Klitschko in der nächsten Runde k.o. geschlagen."

Das behauptete zwar auch sein Trainer Emanuel Steward, obwohl er einräumte, dass sein Boxer „in schlechtester Verfassung" war. Die Vorbereitungszeit sei zu kurz gewesen, um sich auf die Länge des Gegners einzustellen. „Das hat ihn frustriert."

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