Sport : Der Verlierer des Winters

Die Zuschauer schalten ab, die Stars springen nur hinterher: Skispringen steckt in einer Krise

Benedikt Voigt

Berlin. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt kündigt der Wetterbericht für Oslo heute Wind zwischen drei und vier Beaufort aus südlicher Richtung an. Das ist für Skispringer und deren Freunde deshalb bedeutsam, weil dieser Wind das heutige abschließende Weltcupspringen auf dem Holmenkollen gefährdet. Bereits die Qualifikation am Samstag musste aufgrund widriger Bedingungen verschoben werden. Nun hoffen die Skispringer kurioserweise auf Nebel, weil dieser erfahrungsgemäß dem Holmenkollen Windstille beschert. Sven Hannawald bekommt von all diesen Sorgen nur wenig mit. „Er ist vor fünf oder sechs Tagen in den Urlaub gefahren“, berichtet sein Manager Werner Heinz, „dahin, wo es warm ist.“

Der große Star des Deutschen Skiverbandes (DSV) wärmt sich auf, während die Helden anderer Nationen in der Kälte das Saisonfinale bestreiten. Dieses Ende passt irgendwie zu der verkorksten Saison 2003/2004, welche dem Skispringen in Deutschland einen großen Rückschlag brachte. „Diese Saison ist eine Niederlage für uns“, sagt DSV-Direktor Thomas Pfüller. Vor dem letzten Springen in Oslo verzeichnete das deutsche Team nur einen Weltcupsieg durch Michael Uhrmann, im Gesamtweltcup liegen Georg Späth und Michael Uhrmann als beste Deutsche auf den Plätzen elf und zwölf. Und bei der Skiflug-Weltmeisterschaft, eigentlich eine Stärke der deutschen Springer, räumten andere Nationen die Medaillen ab. Was aber das Schlimmste für die Sportart ist, für die der Fernsehsender RTL mit dem Slogan „Formel 1 des Winters“ wirbt: Das Skispringen verliert an Popularität.

RTL, so ist aus Skisprungkreisen zu hören, habe in dieser Saison einen Rückgang bei der Einschaltquote von bis zu 30 Prozent verzeichnet. RTL-Sprecher Mathias Bollhöfer zweifelte diese Zahl jedoch stark an. Die Zeitschrift „Sponsors“ vermeldet, dass das Biathlon im direkten Duell mit dem Skispringen bereits höhere Quoten erreicht. Dazu passt es, dass sich RTL darum bemüht, künftig Biathlon zu übertragen. „Biathlon ist eine interessante Sportart, das hat sich auch bis nach Köln herumgesprochen“, sagt Bollhöfer.

Die Besten tragen Schuld

Das Skispringen ist auf einem gutem Wege, nur noch die Tourenwagenmeisterschaft des Winters zu sein. Schuld an dem Niedergang tragen die beiden Stars. Zum einen Martin Schmitt, Sportler des Jahres 1999. „Der springt seit drei Jahren hinterher, und keiner spricht mehr von ihm“, sagt Werner Heinz. Andererseits fliegt sein Klient noch kürzer. Heinz weiß: „Wenn so ein Star einbricht, schalten die Leute ab.“

Es ist ein bekanntes Phänomen: Eine Sportart verliert in Deutschland an Popularität, wenn der deutsche Star nicht mehr gewinnt. „Das war auch beim Boxen so“, sagt Hannawalds Manager. Da hat es dem Skispringen auch nicht geholfen, dass andere Deutsche wie Michael Uhrmann, Georg Späth oder Alexander Herr die besten Leistungen ihrer Karriere ablieferten. Hinzu kam in dieser Saison, dass der gefallene Held Sven Hannawald in der Niederlage ein besonders trauriges Bild abgab. Er klagte, jammerte, schimpfte. Und zog sich schließlich ganz zurück. „Bei Sven gibt es nur Schwarz oder Weiß“, sagt Werner Heinz, „er kennt kein Mittelmaß.“ So kommt es, dass er nach den schlechten Sprüngen so weinerlich auftritt. „Man kann ihn nicht kontrollieren“, sagt Heinz, „er ist kein Schauspieler.“

Hannawald beklagt Infekte

Bei der Fehlersuche hat Hannawald im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ Infekte ausgemacht, an denen er im Sommer gelitten hatte. Kurioserweise war davon noch keine Rede, als er sich vor Saisonbeginn übertrainiert fühlte und eine einwöchige Pause in Spanien benötigte. „Ich fühle mich körperlich ausgebrannt“, sagte er damals, „warum, weiß ich auch nicht.“ Jetzt weiß er es angeblich. Warum aber hat er nicht von einem Infekt geredet, bevor er im Weltcup immer kürzer sprang? „Er wollte die Konkurrenten nicht darauf aufmerksam machen“, sagt Werner Heinz. Dem Trainer lastet Hannawald, zumindest öffentlich, keine Schuld an seiner Formkrise an.

Sportdirektor Thomas Pfüller fand andere Fehlerursachen. Er monierte die Privilegien der Stars im deutschen Team. Dagegen wehrt sich Werner Heinz. „Sven Hannawald hat keine Sonderrechte, er kommt immer pünktlich zum Training, das kann der Bundestrainer bestätigen.“ Auch der Vorwurf der Ablenkung durch Sponsorentermine sei falsch. „Es gab im Sommer nur elf Tage, an denen er den Sponsoren zur Verfügung stand“, sagt Heinz, „die waren alle mit dem Bundestrainer abgesprochen.“

Die Krise des Skispringens wird vor allem dem Bundestrainer angelastet. „Der Druck für das deutsche Trainerteam wächst indes ins Unermessliche“, schreibt Skisprungexperte Dieter Thoma in seiner Kolumne auf „skispringen.com“. Wolfgang Steiert weiß, dass seine Position stark gefährdet ist. „Jeder weiß, dass nach Medaillen abgerechnet wird“, sagt Steiert, „wenn die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr nicht läuft, kann es durchaus passieren, dass Schluss ist.“

Hannawalds Manager ist immer noch optimistisch, dass sein Klient bis dahin wieder in die vorderen Ränge springt. „Er hat sich schon öfters aus solchen Krisen befreit“, sagt Heinz. Die Sponsoren hätten sich jedenfalls noch nicht beschwert. Der Vertrag mit dem Hauptsponsor läuft in diesem Sommer aus, nach der schwachen Saison drohen bei einem neuen Vertragsabschluss Einbußen. „Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht“, sagt Heinz. Vor ein paar Jahren hat er mal den Biathleten Ricco Groß unter Vertrag gehabt. „Aber das war ganz unglücklich, da lief im Biathlon vieles schief.“ Inzwischen dürfte er anders darüber denken.

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