Sport : Der verschluckte Erfolg

Für Hertha BSC kann sich Platz sechs sehen lassen, auch wenn wieder mal das Ende nicht passte.

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Vercoacht? Jedenfalls verloren. Herthas Trainer Dardai nach dem 2:6 gegen Leverkusen.
Vercoacht? Jedenfalls verloren. Herthas Trainer Dardai nach dem 2:6 gegen Leverkusen.Foto: Schwarz/AFP

Berlin - Pal Dardai versuchte erst gar nicht, ein Lächeln aufzusetzen. Es wäre gequält gewesen. Dafür ist Herthas 41 Jahre alter Trainer zu wenig weg von seiner aktiven Karriere. Die 2:6-Niederlage im letzten Heimspiel gegen Leverkusen, die höchste Klatsche der Saison, hatte als stimmungsvoller Rausschmeißer nun überhaupt nicht getaugt. „Über das Ergebnis bin ich traurig, sorry“, sagte der Ungar, der sich wie seine Spieler an diesem Nachmittag zur guten Laune hatte zwingen müssen. „Heute ist das noch schwierig, aber ab morgen wird es dann gehen.“

Es sei ein bisschen komisch, sagte auch Linksverteidiger Marvin Plattenhardt, „den Tag heute streichen wir am besten“. Im Großen und Ganzen aber habe man eine gute Saison gespielt. „Auf Platz sechs können wir stolz sein.“ Zumindest auf eine starke Hinrunde mit 30 Punkten, der dann allerdings wieder eine rumpelige Rückrunde folgte mit 19 Punkten. Das 2:6 war die zehnte Rückrundenniederlage. Auch das ist bei allem Erreichten ein Teil der Realität. Und so überkamen Vedad Ibisevic „gemischte Gefühle“. Eigentlich wollte die Mannschaft die Gruppenphase der Europa League erreichen, „jetzt müssen wir schlucken“, sagte der Kapitän. Und wie zur Strafe für den schlappen Auftritt gegen Leverkusen muss Hertha nun eine Woche darauf warten, wie das Pokalfinale endet. Sollte Dortmund gewinnen, blieben den Berlinern zwei Qualifikationsrunden erspart. Sie wären direkt für die Gruppenphase qualifiziert, die Mitte September startet.

Auch wenn in dieser Spielzeit Hertha erneut in der Rückrunde schwächelte, also wieder einmal die Chronologie der Ergebnisse nicht so richtig passte, so haben die Berliner immerhin ihr Saisonziel erreicht. Oder wie es der scheidende Leverkusener Trainer Tayfun Korkut nach dem Schützenfest seiner Mannschaft sagte: „Ich würde gern tauschen.“ Also lieber sechs Stück kriegen zum Saisonschluss, aber die Spielzeit als Sechster abschließen und nicht wie Leverkusen auf Platz zwölf weit unter den Erwartungen.

Hertha hat eine vergleichsweise stabile Spielzeit absolviert mit einer starken ersten Hälfte. Die schon traditionell schwache Rückrunde hat auch deshalb keinen größeren Schaden mehr anrichten können, weil Vereine wie Leverkusen, Schalke, Mönchengladbach oder Wolfsburg eigentlich nie die individuelle Qualität, die in ihren Kadern steckt, haben auf den Rasen bringen können. Hertha dagegen, so möchte man meinen, hat es selbst trotz solcher Flügelspieler wie Alexander Esswein und Genki Haraguchi zu mehr gebracht. Beide zusammen brachten es gerade mal auf drei Tore.

Die Berliner werden nun für ein paar Tage eine beliebte Ferieninsel im Mittelmeer kapern und vermutlich den sechsten Platz in der Endabrechnung als das nehmen, was er ist – „eine Riesennummer in Deutschland“, wie es Dardai sagte. Gerade für einen Verein wie Hertha BSC. Für die Berliner ist es die beste Platzierung seit dem vierten Rang unter Trainer Lucien Favre 2009. Es folgten Abstiege 2010 und 2012. Seit 2014 konsolidiert sich der Verein, 2015 landete Hertha mit 35 Punkten auf Rang 15 und entkam hauchdünn der Relegation. Im Vorjahr sprang ein siebenter Platz heraus mit 50 Punkten. Dieses Mal endete für Hertha die Saison um einen Punkt schlechter (49), dafür um einen Platz besser als im Vorjahr. Damals musste Hertha bereits in der dritten Qualifikationsrunde ran und scheiterte an Bröndby IF.

Vielleicht erreicht Hertha dieses Mal die Europa League. In jedem Fall wird die sportliche Führung des Vereins die Spielzeit zu analysieren und aus ihr notwendige Schlüsse zu ziehen haben. Eine Weiterentwicklung der Spielidee hat kaum stattgefunden. Auch weil die Mannschaft durch viele und zum Teil lange Ausfallzeiten von bedeutenden Spieler wie Mitchell Weiser gehandicapt und Trainer Dardai zum Umbauen gezwungen war. Immerhin konnten dadurch ein paar junge Spieler aus dem Nachwuchs an das Level der Liga herangeführt werden wie Maximilian Mittelstädt oder Jordan Torunarigha. Doch auffallend war eben auch, dass es Hertha an spielerischer wie technischer Qualität fehlt. Besonders das Flügelspiel ist verbesserungswürdig, gerade dann, wenn man in den alternden Salomon Kalou und Vedad Ibisevic Stürmer mit guten Abschlussqualitäten im Strafraum hat. Aber diese müssen dann bedient werden. Und natürlich fehlt es an Qualität im Umschaltspiel, also an Spielern, die auch in hohem Tempo rasch die richtigen Entscheidungen treffen und den Ball passsicher in die richtigen Schnittstellen spielen können.

Viel Geld haben die Berliner bekanntermaßen nicht zu Verfügung, aber das sollte das Management nicht davon abhalten, kluge oder raffinierte Lösungen zu finden. Also vielleicht mal eine, die einem das Lächeln ins Gesicht treibt.

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