Sport : Der Vertrauensmann

Mit Erik Gerets soll der VfL Wolfsburg international spielen und die Stadt an Identität gewinnen

Friedhard Teuffel[Wolfsburg]

Das müsste der Hausmeister sein, der gerade über den Flur läuft. Ein etwas bulliger Mann im Trainingsanzug mit einem leicht genervt wirkenden Gesichtsausdruck, der sagen könnte: Ihr habt doch alle keine Ahnung von Technik. Seht mal, ich bin schon früh aufgestanden und habe für euch die Glühbirnen ausgewechselt, weil ihr wieder die ganze Nacht das Licht habt brennen lassen. So läuft Erik Gerets durch die Geschäftsstelle des VfL Wolfsburg. Auf einmal entdeckt der Cheftrainer des Fußball-Bundesligaklubs hinter einer gläsernen Tür eine Sekretärin. Er bleibt stehen, winkt und wirft ihr einen flirtenden Blick zu. Dann setzt er seinen Weg fort.

Wolfsburg ist ein Ort der Gleichsetzungen. Die Stadt ist Volkswagen, und auch der VfL Wolfsburg ist VW. Der Automobilkonzern hält 90 Prozent der Anteile an der VfL Wolfsburg Fußball GmbH, der Verein zehn Prozent. Da muss jeder leitende Fußball-Angestellte auch zu VW passen. Der Klub hat sich im April dieses Jahres für den 50 Jahre alten Belgier Gerets entschieden. Gerets hat die Ausstrahlung eines Arbeiters, er war früher Verteidiger. Doch immer wieder überrascht er mit seinem offensiven Charme. Seine beiden Vorgänger Wolfgang Wolf und Jürgen Röber sind ebenfalls bodenständige Typen, aber sie wirkten nur wie Monteure, die an der Karosserie herumschraubten. Gerets dagegen könnte auch ein Vertrauensmann der Belegschaft sein.

Mit seiner Art hat Gerets in Wolfsburg schon viel erreicht. Er hat den Klub auf den ersten Tabellenplatz der Fußball-Bundesliga geführt. Es gibt alle zwei Wochen Spitzenspiele in der VW-Arena wie an diesem Samstag gegen den VfB Stuttgart. So nähert sich der Klub dem Ziel des VW-Konzerns. VW will den VfL Wolfsburg ins internationale Geschäft führen, damit würde das Unternehmen seinen Mitarbeitern noch mehr bieten. Vor allem aber würde die Marke bekannter. In Deutschland hat VW einen Marktanteil von 30 Prozent, auf dem europäischen Markt nur 18 Prozent.

Im Frühjahr hatten die Wolfsburger eigentlich Christoph Daum verpflichten wollen. Doch möglicherweise war die zweite Wahl die bessere. Es ist im Moment keine Rede von einem seelenlosen Werksklub, der die Bundesliga anführt. Wie sollte es auch, wenn sich Gerets für den Verein entschieden hat, dieser kumpelhafte, mal rau und mal herzlich wirkende Trainer?

Die Geschäftsstelle des Klubs befindet sich in der VW-Arena, dem neuen Stadion des VfL, das innerhalb von 18 Monaten gebaut wurde. Gerets hat sich an diesem nebligen Novembertag zum Erzählen in eine Loge des Stadions gesetzt. Einer seiner ersten Sätze lautet: „Die Situation in Wolfsburg ist nicht neu für mich, denn ich bin es gewohnt, erfolgreich zu sein.“ Gewonnen hat er zwölf niederländische und belgische Meistertitel, acht als Spieler, vier als Trainer.

Von seinem eigenen Erfolg spricht er viel an diesem Mittag zwischen zwei Trainingseinheiten. Es wirkt ein bisschen übertrieben. Damit will er wohl zeigen, dass er gelassen umgehen kann mit den Erfolgen des VfL. Aber vielleicht tut er das auch, weil seine bisher einzige Trainerstation in Deutschland ein Misserfolg war. Als der 1. FC Kaiserslautern ihn im Februar entließ, stand der Verein auf einem Abstiegsplatz. „Die zweite Hälfte meiner Zeit in Kaiserslautern war die größte Enttäuschung in meiner Trainerlaufbahn“, sagt Gerets. In der Mannschaft habe es viel Ärger gegeben. „Ich habe dann aber auch selbst den einen oder anderen Fehler gemacht, als wir Spielern einen Vertrag gegeben haben.“ Von Kaiserslautern hatte Gerets wohl viel erwartet, weil der FCK ein Traditionsverein ist. Die Bundesliga-Vergangenheit des VfL Wolfsburg ist dagegen erst sieben Jahre alt. „Bevor ich herkam, habe ich Wolfsburg eigentlich mit nichts in Verbindung gebracht. Ich wusste, dass Stefan Effenberg hier war.“

Viel mehr weiß Gerets auch jetzt nicht über Wolfsburg. „Ich habe bisher nicht viel Zeit gehabt, mich hier umzuschauen. Der Fußball frisst mich auf. Wenn ich ins Theater gehe und sehe dann auf einmal einen Spieler herumspazieren, dann kann ich nicht entspannen“, erzählt Gerets. Er kümmert sich um das, was er beeinflussen kann. Das ist die Mannschaft.

Patrick Weiser ist schon seit 1999 im Verein, länger als alle anderen Profis. Er wohnt nicht in Wolfsburg, sondern in Braunschweig, weil seine Kinder dort in die Waldorfschule gehen. „Ich habe lange auf so einen Trainer gewartet“, sagt der 32 Jahre alte Abwehrspieler. „Er hat eine sehr gute Menschenkenntnis.“ Gerets habe eine neue Einstellung in Wolfsburg hergestellt. „Das fängt schon im Training an: Jeder muss zeigen, dass er gut ist. Der Trainer fordert immer die Leistungsgrenze“, sagt Weiser. Neid könne so auch gar nicht aufkommen. „Jeder hält sich an seine Aufgabe und versucht nicht, als Einzelspieler zu glänzen.“

Es ist nicht so, dass die Spieler in Wolfsburg nun nach jedem Training zusammensitzen und plaudern. Gerets sagt: „Wenn sie mit dem Auto einen Meter aus dem Stadion rausgefahren sind und sich die Köpfe einschlagen, dann ist mir das egal.“ Aber für das Verhalten am Arbeitsplatz hat Gerets eine Grundwertediskussion entfacht. Er spricht von Respekt und Toleranz. Spieler aus neun unterschiedlichen Nationen sind in der Mannschaft. Dazu kommt der belgische Trainer. „Es tut den Spielern unheimlich gut, wenn sie im Ausland sind und gefragt werden: Wie ist das denn bei euch zu Hause? Wenn ich die Spieler so anspreche, bekomme ich dreimal so viel zurück, wie ich gegeben habe“, sagt Gerets.

Der Trainer hat gemeinsam mit seiner Frau ein Haus außerhalb von Wolfsburg bezogen, „ganz ruhig, mitten in der Natur“. Er hält ein bisschen Abstand zu Wolfsburg. Möglicherweise hat er in der Distanz noch gar nicht mitbekommen, auf was er sich eingelassen hat.Wolfsburg hat keine Geschichte, die Stadt ist erst 1938 durch das VW-Werk entstanden. Ihren Namen hat sie 1945 bekommen. Es ist eine Stadt, die immer noch dabei ist, sich eine Identität außerhalb der Automobilproduktion zu schaffen, und deren Bürger keine Wurzeln haben in der Stadt. Jetzt soll der Fußball helfen. Vielleicht ist Gerets gerade der wichtigste Gastarbeiter in Wolfsburg.

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