Sport : Der vierte Deutsche

Nico Rosberg steht vor dem Einstieg in die Formel 1

Karin Sturm[Schanghai]

Noch steht der junge Mann in Schanghai nur an der Boxenmauer und schaut den vorbeirauschenden Autos zu. Im Kopf aber dreht er bereits am Lenkrad, bremst, schaltet und drückt das Gaspedal durch. „Natürlich überlegt man immer, was man machen würde, wenn man selbst im Auto säße“, sagt er. Vieles spricht dafür, dass der junge Mann seine Gedanken bereits beim nächsten Grand Prix, beim Auftakt der Formel-1-Saison 2006, einem Praxistest unterziehen kann: Nico Rosberg, der Sohn des Weltmeisters von 1982, Keke Rosberg, hat beste Chancen, einen Platz als Rennfahrer bei Williams zu bekommen.

Der 20-Jährige wurde in Wiesbaden geboren, hat eine deutsche Mutter und hat die deutsche sowie die finnische Staatsbürgerschaft seines Vaters. Nico Rosberg sieht sich selbst aber eher als Deutscher; er fährt mit deutscher Lizenz und deutscher Flagge am Overall. Er spricht vier Sprachen fließend, neben Deutsch noch Englisch, Französisch und Italienisch – aber interessanterweise kaum Finnisch.

Werden in der kommenden Saison also vier Deutsche in der Formel 1 fahren? Pikanterweise könnte Rosberg die Nachfolge von Nick Heidfeld bei Williams antreten. „Es ist schon sicher, dass ich 2006 zum Williams-Team gehöre“, sagt Rosberg, „so wie es im Moment aussieht, als Testfahrer.“ Nach einer kleinen Pause lächelt Nico Rosberg. „Aber es gibt schon ganz gute Chancen, dass noch mehr draus wird – jetzt, wo Jenson Button nicht kommt.“ Der Brite bleibt nämlich bei BAR-Honda, und weil sich Antonio Pizzonia, der den verletzten Heidfeld während der letzten Rennen vertrat, bei seinen Einsätzen alles andere als profilierte, ist Rosberg verständlicherweise nicht gerade traurig: „Ich schaue mir das mit einem Lächeln an, wenn meine Konkurrenten sich mal wieder nicht so tapfer schlagen. Das ist schließlich gut für mich.“

Aber Rosberg hat sich auch aus eigener Kraft in die Nähe eines Renncockpits gebracht – mit einer überzeugenden Saison und dem Meistertitel in der GP2-Serie, die im Rahmenprogramm der Formel 1 ausgetragen wird, und überzeugenden Testfahrten für BMW-Williams. Es wurde sogar spekuliert, dass Rosberg schon bei den beiden letzten Rennen des Jahres in Suzuka und am Sonntag in Schanghai (8.00 Uhr/live bei RTL und Premiere) als Ersatzmann für Heidfeld im Williams sitzen könnte. Doch das Team entschied sich dagegen. „Wir haben das gemeinsam diskutiert, aber es wäre ein Risiko gewesen“, gibt Rosberg zu. „Ich bin noch nicht genügend Testkilometer gefahren, und Suzuka wäre auch eine sehr harte Strecke für einen Einsteiger gewesen.“ Außerdem hätte es im Team angesichts von bereits drei eingesetzten Fahrern in diesem Jahr ein gewisses Verlangen nach Kontinuität gegeben. Er sei zunächst ein wenig enttäuscht gewesen, gibt Rosberg zu, aber dieses Gefühl habe nicht lange angehalten. „Ich bin jemand, der sehr wenig aus dem Bauch heraus entscheidet“, sagt er. „Ich gehe alles genau im Kopf durch und versuche, auch die Risiken und möglichen negativen Aspekte zu beachten.“

Das klingt sehr reif für einen 20-Jährigen, und das ist es auch, was fast alle fasziniert, die mit ihm arbeiten. „Er ist seinem Alter unglaublich weit voraus, vor allem mental“, erzählt sein ehemaliger Teammanager in der Formel 3, Peter Reinisch. „Ich habe noch nie einen jungen Fahrer erlebt, der vom Kopf her so stark und auch bereit ist, so hart zu arbeiten.“ Diese Aussage wird durch die Tatsache belegt, dass Rosberg junior beim Grand Prix von China nicht nur als Ersatzfahrer und PR- Botschafter für Williams vor Ort ist, sondern voll in die Tagesarbeit integriert ist.

So bindet man eigentlich nur einen Fahrer ein, der in der kommenden Saison als Stammpilot im Auto sitzen wird. Die Bestätigung könnte schon in den nächsten Wochen kommen. Vielleicht erfüllt sich dann auch sein geheimer Wunsch: Dass es nicht mehr überall heißt, „Nico, der Sohn von Keke Rosberg“, sondern demnächst: „Keke, der Vater von Nico Rosberg.“

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