Sport : Der vierte Mann

Michael Rosentritt

"Wissen Sie, was das Beste ist", sagt Stefan Beinlich mittendrin, "wenn ich nach Hause komme, bin ich für meine Kinder eben der Papa, da spielt es keine Rolle, ob ich vom Fußballplatz komme oder aus der Reha-Klinik." Stefan Beinlich wird heute 30, seine Zwillinge werden demnächst fünf. Für sie ist es noch nicht so wichtig, ob und wie viele Tore der Papa geschossen hat für Hertha BSC; für Stefan Beinlich ist es nicht mehr so wichtig. "Ich bin froh, dass ich überhaupt noch Fußball spielen, dass ich schmerzfrei laufen kann. Es ist ein gutes Gefühl, gesund zu sein." Dieses Gefühl hatte Stefan Beinlich 13 Monate nicht. "Eine lange, eine schlimme Zeit, aber das muss wohl jeder erst selbst erfahren", sagt er.

Zum Thema Fotostrecke I: Bilder der Saison 01/02
Fotostrecke II: Hertha Backstage Stefan Beinlich ist das, was man gemeinhin als einen Pechvogel bezeichnet. Die komplette Rückrunde der vergangenen Saison konnte er nicht bestreiten. Eine Mortonsche Anomalie plagte ihn, eine besonders heimtückische Verletzung. Der zweite Zeh seines linken Fußes drohte über den großen Zeh zu wachsen. "Bis wir wussten, was es genau ist, vergingen Wochen, wenn nicht Monate." Eine Selbstaufgabe kam nie infrage, aber "die Ungewissheit, ob mein Körper das noch einmal schafft, war grausam". Stefan Beinlich hat diesen Kampf gewonnen.

Er erzählt ruhig von dem, was ihn wochenlang umtrieb. "Wenn ich an meine Frau denke. Was hatte sie auszustehen, wenn jeden Tag ihr Mann nach Hause kommt, der nicht ausgelastet ist." Alles drehte sich nur noch um das eine Thema. "Wenn wir uns beide wieder etwas beruhigt hatten, kam meine Mutter, die ist auch noch Ärztin, und dann ging es wieder los. So muss es bei älteren Menschen sein, wenn sie über ihre Wehwehchen klagen. Dass man das schon mit 29 erlebt ..." Stefan Beinlich winkt ab. Lassen wir das. Reden wir über die Zeit danach. Beispielsweise über die der beiden folgenden Muskelfaserrisse. Das war im vergangenen Herbst. Oder vielleicht lieber über die Zeit, in der sich der Mittelfeldspieler eine Entzündung im Sprunggelenk zuzog? Stefan Beinlich winkt wieder ab. "Mein Gott, mit diesen Dingen wie einem Muskelfaserriss kann doch jeder umgehen." Dadurch droht nicht das Karriereende. Für ihn eine Vorstellung, die ihm Unbehagen bereitet. "Ich habe mich nun mal so entwickelt, dass ich auf den Fußball nicht so einfach verzichten kann." Nach der Familie kommt gleich der Fußball. Und über allem schwebt die Gesundheit. "Ein hohes Gut, gerade für uns, die wir unseren Körper so brauchen und aufs Ärgste beanspruchen." Trotzdem, diese Zeit ist endlich, "die Familie habe ich für immer. Ohne sie hätte ich das alles nicht durchgestanden."

Seit gut einer Woche lebt es sich für Stefan Beinlich wieder etwas leichter. Er trainiert wieder mit der Mannschaft. Hier in Marbella formuliert er seine Ziele: "Ich möchte wieder wertvoll werden für den Verein", sagt er. Das werden sie gern hören bei Hertha. Zu Saisonbeginn hat derselbe Spieler auch noch etwas anderes gesagt. Nach dem Gewinn des Ligapokals in der Sommerpause stellte sich Herthas Mittelfeldspieler, den Manager Hoeneß für einen "Spieler mit außergewöhnlichen strategischen Fähigkeiten" hält, hin und redete vom Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Das war ein Schreck. Denn mit dem Gewinn der Meisterschaft hatte Hertha nach dem ersten Drittel der Saison ungefähr so viel zu tun wie das Land Berlin mit vollen Kassen.

Natürlich haben sie Stefan Beinlich diesen Satz übel genommen. "Bitte, ich stehe dazu und ich werde mich daran messen lassen. Mein Ziel bleibt die Meisterschaft, und ich halte das auch mit dieser Mannschaft für möglich." Zunächst aber muss er erst wieder in die Mannschaft kommen. Das wird schwer, schwerer als sonst. Rene Tretschok, Rob Maas und Pal Dardai, die für Stars wie Sebastian Deisler und eben Beinlich in die Stammelf rückten, haben "überragend" gespielt. "Und sie hatten Erfolg." Zudem hat Trainer Jürgen Röber das System geändert: vier Spieler in der Defensive, drei im Sturm - bleibt im Mittelfeld Platz für drei. "Nur drei", sagt Beinlich, "und wir haben jede Menge Spieler, die dafür infrage kommen. Der Sebastian wird auch wieder kommen. Es wird in jedem Falle sehr eng werden."

Liebend gern lässt sich Stefan Beinlich auf diesen Kampf ein. Was ist der schon im Vergleich zu dem, den er ein langes Jahr in der Reha-Klinik kämpfte? "Ich bin wieder da, aber wir müssen alle unsere Egoismen hintenanstellen. Was nützt es, wenn ich in jedem Spiel ein Tor schieße und wir als Mannschaft trotzdem verlieren?" Stefan Beinlich wird Gelegenheiten bekommen, auf dem Fußballplatz nach Antworten zu suchen. Er wird sie finden müssen, denn es wird nicht mehr lange dauern, dann werden seine Kinder ihm entgegenrennen, wenn er abends nach Hause kommt, und fragen: Na, Papa, hast du heute gewonnen und wie viele Tore hast du geschossen?

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