Sport : Der vierte Mann

Daniel Pontzen

Irgendwann, das war klar, würden auch die guten Sitten auf der Strecke bleiben. Es geht um viel im Business Bundesliga, gute Manieren sind da selten zweckdienlich. Das Aufeinandertreffen zwischen Kaiserslautern und Bayern München, ursprünglich als Fußballspiel geplant, artete aus in eine Posse peinlichen Verhaltens, und nicht erst seit dieser Partie scheinen die Chaos-Tage eröffnet in der Bundesliga. Diskutierzirkel auf und neben dem Platz drängen den Eigenwert des Sports immer mehr in den Hintergrund. Ein Phänomen, dem Schiedsrichter-Sprecher Manfred Amerell eilends Einhalt gebieten will. "Nach Saisonende müssen wir im Schiedsrichterausschuss Maßnahmen ergreifen", sagt Amerell. "Es kann nicht sein, dass alle Benimmregeln außer Kraft gesetzt werden."

Trainer, die mit gutem Beispiel vorangehen sollten, "führen sich auf wie die HB-Männchen", zudem versuchten "bei jedem falschen Einwurf" Betreuer, Ersatzspieler und Masseure auf die Schiedsrichterassistenten einzuwirken. Die einzige Maßnahme, von der sich Amerell Wirkung verspricht: die Einführung eines vierten Mannes ins Schiedsrichterteam. Wie es international üblich ist. "Wenn ein Assistent nahe der Eckfahne steht, kann er nicht sehen, wer sich hinter ihm danebenbenimmt. Wohl aber ein vierter Mann, der zwischen den Trainerbänken sitzt. Er könnte dann den Schiedsrichter informieren, der sofort Strafen verhängt."

Zudem sei Selbstdisziplin vonnöten. Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß hat bereits eine Liga-weite Diskussion zum schleichenden Sittenverfall gefordert. Kleinere Vereine empfinden diesen Vorstoß als scheinheilig, da sich der Eindruck erhärtet hat, Verantwortliche der Spitzenteams würden mit Samthandschuhen angefasst. Während Trainer kleinerer Vereine regelmäßig auf die Tribüne zwangsversetzt werden, scheinen Matthias Sammer oder Bayerns Kotrainer Michael Henke Narrenfreiheit zu genießen. Amerell: "Der eine macht es eben cleverer als andere. Aber wenn da einer Methode entwickelt, wird auch er früher oder später bestraft."

Von Franz Beckenbauers Vorschlag, ausländische Schiedsrichter einzusetzen, hält Amerell nichts. Es bestehe kein Mangel an guten deutschen Schiedsrichtern: "Wie bei den Spielern vollzieht sich derzeit ein Generationswechsel. Jeder muss sich die Akzeptanz erarbeiten, Markus Merk ist mit 23 auch anders aufgetreten als heute. Persönlichkeit wächst nicht auf Bäumen." Allerdings werde die Aufgabe immer schwieriger, da die Hemmschwelle auf dem Platz sinkt. "Das größte Problem ist aktuell die Rudelbildung. Dem müssen wir mit persönlichen Sanktionen knallhart Einhalt gebieten", sagt Amerell. Sonst drohe das Chaos Normalzustand zu werden in der Bundesliga. Geschäftsschädigend, auf Dauer.

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