Sport : Der vierte Mann

Ein Aufpasser an der Seitenlinie soll die Schiedsrichter-Krise beenden

Michael Rosentritt

Castrop-Rauxel. Der rote Kopf von Gerhard Mayer-Vorfelder machte den Ernst der Lage anschaulich. „Die aktuelle Entwicklung der Schiedsrichter-Problematik bereitet uns große Sorgen. Es müssen endlich alle mit den gegenseitigen Hetzjagden aufhören“, sagte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), nachdem er am Montag in einem Vieraugengespräch mit dem Schiedsrichter-Obmann Volker Roth die Lage analysiert hatte. „Der Zustand ist nicht mehr erträglich“, sagte Roth. Am Mittwoch soll es vor dem Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden in Gelsenkirchen einen runden Tisch geben.

Von allen Seiten wird seit Tagen die Einführung eines vierten Schiedsrichters gefordert, der sein Betätigungsfeld, wie auf internationaler Bühne längst üblich, an der Seitenlinie zwischen beiden Trainerbänken hat. „Für mich ist es seit Jahren unerklärlich, warum wir in Deutschland noch keinen vierten Mann haben“, sagt etwa Rudi Völler, der Teamchef der Nationalmannschaft.

Fehlentscheidungen sind damit nicht ausgeschlossen, wie Beispiele aus Italien belegen. Aber ein vierter Mann würde vor allem die Linienrichter entlasten. „Der ist doch damit beschäftigt, seine Fahne in der richtigen Sekunde zu heben, was heute schwer genug ist“, sagt Völler. „Aber er brauchte sich nicht mehr um die Trainerbänke zu kümmern.“

In Deutschland wurde der Vorschlag erst einmal umgesetzt. Beim DFB-Pokalfinale im Mai stand Schiedsrichter Knut Kircher an der Mittellinie zwischen den Trainerbänken von Bayer Leverkusen und Schalke 04. Ergebnis seiner Arbeit: Die am Spielfeldrand meckernden Trainer Klaus Toppmöller und Huub Stevens wurden auf die Tribüne verbannt.

Das Mitwirken eines vierten Mannes könnte auch in der Bundesliga positiven Einfluss auf den Umgangston am Spielfeldrand haben. „Wir müssen dazu kommen, dass sich der Umgang normalisiert“, sagt Völler. Die meisten Teilnehmer des runden Tisches, darunter Bundesliga-Manager und Trainer, befürworten deshalb einen vierten neutralen Mann. Einige Schiedsrichter ebenfalls.

Für Mayer-Vorfelder macht dies nur Sinn, wenn der Respekt vor den Schiedsrichtern zunimmt. „Alle Beteiligten sollten Respekt haben, von der Bank bis aufs Spielfeld.“

Die Situation ist in der Tat dramatisch. 16 Rote Karten nach 13 Spieltagen – nur zweimal in der 40-jährigen Geschichte der Fußball-Bundesliga wurde diese Quote übertroffen. Manfred Amerell, Mitglied des Schiedsrichterausschusses des DFB, spricht von einer tiefen Krise im Verhältnis zwischen Referees, Trainern und Spielern. Der Erfolgsdruck sei enorm, weil der Tabellenstand entscheidend für die Ausschüttung der Fernsehgelder ist. „Den Spielern scheint da jedes Mittel recht. Sie betrügen, schauspielern, fordern unentwegt Karten für den Gegner. Hauptsache, es dient dem eigenen Vorteil.“ Ein vierter Schiedsrichter könnte auch hier helfen.

Andererseits haben sich die Schiedsrichter mit zahlreichen Fehlentscheidungen sowie ihrem bisweilen selbstherrlichen Auftreten in die Kritik gebracht. Mayer-Vorfelder kündigte inzwischen Schulungen für Schiedsrichter durch Polizeipsychologen an. Thema: Konfliktbewältigung.

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