Sport : Der Volker Finke des Ostens

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Stefan Hermanns über die Treue Eduard Geyers zu Energie Cottbus

Der moderne Fußball ist ein durchgestyltes Produkt, das allein nach den Gesetzen des Marktes bewertet wird. Er kennt keine Tradition mehr, keine Dankbarkeit, keine alten Erfolge. Normalerweise. Aus Cottbus aber wird in diesen Tagen eine Entwicklung vermeldet, die allen üblichen Gesetzen tatsächlich widerspricht. Der örtliche Fußballverein FC Energie liegt zwar auf dem letzten Platz der Bundesliga, und doch hat der dafür verantwortliche Trainer Eduard Geyer gerade bekannt gegeben, dass er seinen im Sommer auslaufenden Vertrag verlängern werde, selbst wenn Energie absteigen sollte. Das ist eine schöne, fast sentimentale Nachricht in einer Branche, die sich alles leisten kann – nur keine Sentimentalität.

Eduard Geyer ist damit gewissermaßen der Volker Finke des Ostens. Finke durfte mit Freiburg gleich zweimal in die Zweite Liga absteigen und ist immer noch im Amt. Was Finke für Freiburg ist Geyer für Cottbus. Er hat den FC Energie erst zu dem gemacht, was der Verein heute ist. Einen unbedeutenden Ostklub hat Geyer in die Bundesliga geführt, und dort spielen die Cottbuser bereits in der dritten Saison. Vielleicht hat das einigen Anhängern die Sinne vernebelt, die im Herbst lautstark gegen Geyer gepöbelt haben. Vielleicht haben sie vergessen, wo der Verein stand, als der Trainer 1994 sein Amt angetreten hat – in der dritten Liga nämlich. Und vielleicht denken sie, dass sie jetzt ein Naturrecht auf die Bundesliga besitzen.

Um Geyers Leistung richtig einzuschätzen, muss man sich nur an die DDRZeiten erinnern, als Energie eine graue Maus war, sozusagen der Karlsruher SC des Ostens, ein Klub im Niemandsland zwischen Erst- und Zweitklassigkeit. In der ewigen Tabelle der DDR-Oberliga belegen die Cottbuser Platz 26 – hinter Aktivist Brieske-Senftenberg, Stahl Thale und Fortschritt Meerane. Unter normalen Umständen wird der FC Energie in der nächsten Saison wieder in der Zweiten Liga spielen. Für die Cottbuser Fans mag das eine Katastrophe sein. Die Anhänger von Carl Zeiss Jena, dem BFC Dynamo oder dem 1. FC Magdeburg wären froh, wenn ihre Klubs wenigstens zweitklassig wären.

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