Sport : Der Volleyball-Trainer geht neue "Drill"-Wege beim CJD Berlin

Helen Ruwald

Als Babysitter macht er sich gut, der Neue. Die Bundesliga-Volleyballerinnen von CJD Berlin stemmen im Kraftraum des Sportforums Hohenschönhausen Gewichte. Angestrengt, konzentriert. Dazwischen meldet sich immer wieder eine russische Kinderstimme. Der vierjährigen Dima hat keine Lust auf eine vernünftige Saisonvorbereitung. Soll Mama Nadja Zabawina sich doch plagen, er klettert lieber die Sprossenwand hoch, platscht auf die weiche Matte und schwenkt viel zu schwere türkise und orange Hanteln. Irgendwann hat der Knirps genug und entwischt in den Gang. Mirko Culics Einsatz ist gekommen. Der Trainer jagt hinterher und lockt: "Komm Dima, mach Krafttraining mit mir." Auch ein Bonbon hat Culic in der Tasche seiner blauen Trainingshose, man kann ja nie wissen.

Dass bei seiner neuen Arbeit auch Qualitäten als Entertainer für einen Vierjährigen gefragt sein würden, darauf war der 36-Jährige nicht gefasst, als ihm der Manager des CJD, Siegbert Brutschin, das Jobangebot nach Kalifornien faxte. Assistenztrainer des Frauenteams war er am College von Fullerton bei Los Angeles, wo seine Frau, die frühere Profi-Basketballerin Milica Vukdinovic, BWL studiert. "Die Volleyballmannschaft war schlecht, sehr schlecht", erinnert Culic sich mit Grausen. Er wollte Cheftrainer werden. "Wenn nicht jetzt, wann dann?", fragt er. Und es klingt so, als wäre er mindestens 50 Jahre alt. Die Entscheidung fiel schnell, schließlich kennt er Deutschland und vor allem Berlin. Zwei Jahre spielte der 260-malige jugoslawische Nationalspieler, in Bosnien aufgewachsener Sohn eines Kroaten und einer Serbin, in Moers, fünf beim SC Charlottenburg, ehe er seiner Frau im vergangenen Jahr in die USA folgte.

Culic gehöre zu den sensiblen Seelen, schrieb die Deutsche Volleyball-Zeitschrift vor einiger Zeit. Er ist ein ruhiger Typ, mit schmalem Gesicht, schwarzen, leicht gekräuselten Haaren und einer Nase, die sich tatsächlich rümpft, wenn er sich wundert oder ihm etwas nicht gefällt. Dann wirft die Nasenwurzel Fältchen und die ohnehin tiefen Furchen unter den Augen werden noch ein bisschen tiefer.

Videokassetten mit allen 18 CJD-Spielen der letzten Saison hat Culic sich erst mal zu Gemüte geführt, weil er noch nicht so wahnsinnig viel Ahnung hat vom FrauenVolleyball hierzulande. Genau das qualifiziert ihn aber für diesen Job. "Ich wollte einen szenefremden, uneingeweihten Trainer", sagt Manager Brutschin, "andere auf dem Markt sind längst betriebsblind." Ein Seitenhieb wohl auch auf Culics Vorgänger Volker Spiegel, den ehemaligen Meistertrainer, der den CJD seit 1991 coachte und auch schon beim Vorläufer SC Dynamo tätig war. "Als Zuspieler war Mirko der verlängerte Arm des Trainers. Seinen Erfahrungsschatz kann ihm keiner nehmen", betont Brutschin.

Und Culic ist ehrgeizig, als Spieler war er mit allen seinen Teams Meister oder Pokalsieger, zehnmal insgesamt, mit Bosna Sarajewo genauso wie mit Partizan Belgrad, dem SC Moers und dem SC Charlottenburg. Dennoch gibt er keinen bestimmten Tabellenplatz als Ziel vor. "Ich bin zufrieden, wenn wir von Spiel zu Spiel besser werden."

Penibel bereitet Culic jede Trainingseinheit am Computer vor, schreibt genau auf, wie lange das Aufwärmen dauern soll und dass das Spielchen Drei gegen Drei um 19.10 Uhr zu beginnen hat. Er hat sich vorgenommen, im Training zu schreien, um die Spielerinnen unter den Druck zu setzen, der sie künftig bei Spielen erwartet.

Mit Beginn dieser Saison gelten neue Regeln, jede Mannschaft kann ständig punkten, nicht nur bei eigenem Aufschlag. Das erfordert mehr Aufmerksamkeit bei den Spielerinnen. "Die Intensität steigt", sagt Mirko Culic. Durch Schreien will er verhindern, dass sein Team auch nur eine Sekunde abschaltet. Mit den Händen in den Hosentaschen steht er am Netz, unterbricht das Trainingsspiel ab und zu und erklärt. Als eine Annahme nicht klappt, ist es mit den ruhigen Worten vorbei. Mirko Culic verzieht das Gesicht. Er lacht. Das Brüllen muss er noch lernen, der Neue.

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