Sport : Der vorletzte Amateur

Der Deutsche Meister Jens Thiele könnte einer aussterbenden Spezies im Schwimmen angehören

Benedikt Voigt

Berlin - Jens Thiele tropft noch, als bereits der Ärger in ihm hochsteigt. Der Rückenschwimmer steht am Beckenrand in der Schwimmhalle im Europasportpark, und je länger er über seine Siegerzeit von 2:00,05 Minuten nachdenkt, mit der er gerade Deutscher Meister über 200 Meter Rücken geworden ist, umso unangenehmer sind die Gedanken, die ihn überkommen. Schließlich sagt der breitschultrige Hamburger: „Jetzt bin ich noch enttäuschter.“

Vor knapp zwei Wochen bei der Weltmeisterschaft in Melbourne ist Jens Thiele fast vier Sekunden langsamer geschwommen und im Vorlauf als 26. ausgeschieden. „Es war etwas Körperliches“, sagt er heute, „ich werde im nächsten Jahr zu den Olympischen Spielen nach Peking sicherlich früher anreisen.“ Er hat den Jetlag in Australien als eine Ursache für seine schwache Leistung ausgemacht. Dabei hat der Deutsche Schwimmverband seinen Athleten im Vorfeld von Melbourne extra eine Lichttherapie verordnet, um die Zeitumstellung zu erleichtern. Bei Jens Thiele erwies sich diese Maßnahme als nicht durchführbar. „Ich kann mich doch nicht mit einer Binde auf den Augen in der Bank vor den Computer setzen oder nachts um vier Uhr eine Lichtmaschine anmachen“, sagt der 26-Jährige. Der ehemalige BWL-Student arbeitet bei der Hamburger Sparkasse als Ausbilder – und ist damit der Prototyp jenes Athleten, den der deutsche Cheftrainer nach der WM als Problemfall ausgemacht hat. „Mich will Örjan Madsen nicht mehr“, sagt Thiele, „ich bin kein Profi.“

Der Cheftrainer im Deutschen Schwimmverband strebt eine umfassende Professionalisierung in Deutschland an. Das ist aber, was die Bezahlung betrifft, schwierig. „Ich kann vom Schwimmen nicht leben“, sagt Andreas Lösel, der am Donnerstag überraschend über 200 Meter Brust Deutscher Meister wurde und in 2:11,97 Minuten einen neuen deutschen Rekord aufgestellt hat. Der 24-Jährige studiert Erdkunde, Wirtschaft und Geographie auf Lehramt. Weil Berufsschwimmen in Deutschland nur schwierig zu finanzieren ist, hat Madsen gestern seine Forderung präzisiert. Damit sei nicht so sehr das Geld gemeint, sagte er gestern, „es hat mit der Einstellung zu tun und mit dem Verhalten.“

Thiele hat in Berkeley studiert, er weiß, dass die amerikanischen Studenten-Schwimmer einiges voraus haben. „Dort richten sich die Professoren nach dem Wettkampfplan“, erzählt er, „wenn ich in Deutschland wegen einer Meisterschaft eine Klausur verpasse, interessiert das den Professor wenig“, sagt er. Andere seien weit voraus. „Wenn man sieht, wie gut die anderen Länder organisiert sind, dann ist Deutschland Amateurland“, sagt Thiele. Er glaubt, dass hierzulande die Entwicklung in Richtung Profitum gehen wird. „In einigen Jahren wird es Schwimmer wie mich nicht mehr geben“, sagt Thiele.

Im nächsten Jahr schon noch. Da will er in Peking ins Finale kommen. Bei seinem Meistertitel in Berlin hatte er das Glück, dass Titelfavorit Helge Meeuw den Vorlauf verpasst hat, weil er zu spät aus dem Urlaub gekommen war. Ihm könnte so etwas nicht passieren. „Mir ist diese Meisterschaft schon wichtig“, sagte er und umklammert seine Goldmedaille mit der rechten Hand. Die Zeit rückt offensichtlich näher, in der er sich über seinen Titel uneingeschränkt freuen wird.

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