Sport : Der Wald ruft

Nachts wird’s bitterkalt, morgens gibt’s Bier. Zehntausende Camper übernachten gerade am Holmenkollen. Sie feiern die Ski-WM bei Feuer und Gesang. Ein Besuch

 Katrin Schulze[Oslo]
Schneesicher. Rund um die Langlaufstrecken von Oslo haben die Norweger ihre Zelte aufgeschlagen. Nachts wird gefeiert, am Tage werden die Sportler bejubelt. Foto: Katrin Schulze
Schneesicher. Rund um die Langlaufstrecken von Oslo haben die Norweger ihre Zelte aufgeschlagen. Nachts wird gefeiert, am Tage...

Simon and Garfunkel haben es sich gemütlich gemacht. Mit einer dicken Wolldecke über ihrem Schoß hocken sie auf einer knackenden Holzbank, vor ihnen knistert das Lagerfeuer. Noch ein letzter Zug aus der Zigarette, dann geht’s los. „Lei, lei, lei, ...“. Vielleicht hat es mit den leeren Dosen zu tun, die sich dort hinten in einer Kiste stapeln, jedenfalls klingt das heute alles ein bisschen schief, ähnlich schief hängen nur noch ihre Pudelmützen auf den Köpfen. Und trotzdem, „romantisch, nicht wahr?“, ruft einer in die Runde.

Romantisch? Bei minus fünf Grad ist das, nun ja, relativ.

Familie Aune, die nach ein paar Kaltgetränken jeden Abend für ein paar Stunden zu Simon and Garfunkel wird, hat schon Schlimmeres erlebt. Vor ein paar Tagen zeigte das Thermometer nachts fast minus 20 Grad an. Kalt war es, bitterkalt. „Da mussten wir uns im Zelt noch enger als sonst aneinanderkuscheln“, erzählt Geir Petter Aune und bekommt von seiner Frau Dina dafür erst mal einen ordentlichen Klaps gegen die Schulter. „Mensch, das muss doch nicht jeder wissen!“

Die Aunes haben zusammen mit drei befreundeten Familien Quartier geschlagen, hier mitten im Osloer Wald. Armeegrüne Zelte haben sie aufgeschlagen, im Tiefschnee haben sie sich eine Feuerstelle gebuddelt, darüber brodelt Wasser im Kochtopf. Man hätte sich auch ein Hotel in der Stadt nehmen können, oder? „Ach was“, sagt Geir Petter, „wir wollen in der Natur sein. Wir sind doch Norweger.“ Das Ursprüngliche wollen sie erleben, genau wie 20 000 andere Menschen, die bis zum Ende dieser Weltmeisterschaften in den Wäldern rund um den Holmenkollen campieren werden. Das Wintercamping hat in Norwegen Tradition.

Schon 1966, als die WM das erste Mal in Oslo Station machte, schlugen ein paar Landsleute hier ihre Zelte auf – einfach so, direkt an der Strecke. Als es irgendwann immer mehr wurden und die wäldliche Anarchie das Wettkampfprogramm zu beeinträchtigen drohte, begann man, das folkloristische Treiben zu organisieren. Zur nächsten WM 1982 gab es die ersten abgesperrten Campinggebiete und die erste Versorgungsstationen mitten im Wald. Im März des Jahres 2011 hat sich die Bewegung so weit professionalisiert, dass Unternehmen in einer bestimmten Zone ihre Zelte nächteweise an Touristen vermieten; Werbebanner inklusive.

Für Familie Aune und ihre Freunde ist das nichts, sie haben sich den Bereich des Waldes ausgesucht, der noch nicht so durchkommerzialisiert ist. Neun Stunden haben sie von Trondheim gebraucht bis hierher, bis unters Dach waren ihre Autos beladen mit Schlafsäcken, dicken Sachen und Lebensmitteln. Auf ihre getrocknete Schafskeule sind die Freunde besonders stolz, das riesige Stück Fleisch ist auch bei den Bewohnern des Nachbarzelts beliebt, „hervorragend“, stammelt einer, den die Aunes bis vor ein paar Minuten noch gar nicht kannten. Simon and Garfunkel haben den halben Wald zu sich gelockt mit ihrem Ständchen.

Der Gastgeber nutzt die Situation aus, um eine weitere Leckerei aus seinem Hause anzupreisen. Diesmal kramt Geir Petter eine Plasteflasche aus seiner Tasche hervor, deren Inhalt nach einer Mischung aus Gift und Benzin riecht– selbstgebrannter Schnaps. Natürlich kommt auch der an. „Na, das kann ja noch lustig werden“, sagt Dina Aune halb skeptisch, halb angewidert. Ein paar hundert Meter entfernt sind sie schon ein Stück weiter. Die ersten gestandenen Männer haben hier größte Mühe, sich im Schnee unfallfrei auf den Beinen zu halten.

Terje Beck und seine Crew haben sich hier breit gemacht. Norwegische Trachten sind bei den etwa 40 Männern zwischen 30 und 60 angesagt, und nicht nur die. „Unser Interesse an dem Sport ist riesig“, erzählt Beck und deutet mit dem Zeigefinger auf die Pins an seiner Jacke, jeder einzelne steht für einen Teil der Wintersportwelt; seit 1997 reist die Gruppe zu jeden nordischen Ski-Weltmeisterschaften. Als vor vier Jahren das japanische Sapporo als Veranstaltungsort auserkoren war, schickten sie ihre Sachen drei Monate zuvor per Containerschiff voraus.

In Oslo haben die Freunde sieben große Zelte um eine Feuerstelle herum aufgebaut, eines dient lediglich als Lagerstätte. Dass die WM in diesem Jahr nur 70 Kilometer entfernt von ihrem Heimatort stattfindet, hält Terje Beck für „absolut sensationell“. So könne man der ganzen Welt zeigen, wie schön es hier ist und zu welcher Begeisterung die Norweger imstande sind.

Sichtlich stolz ist das Volk darauf, dass die WM wieder mal zurückgekommen ist an den Ort, wo der nordische Skisport angeblich seine Wurzeln hat. Am Holmenkollen reckt sich die älteste Skisprungschanze der Welt in die Luft, schon 1892 stürzten sich die ersten Verrückten hier hinunter. Auf den über 2000 Kilometer Loipe im Wald trifft man alle zwei Minuten jemanden auf Skiern. „Langlaufen bei uns ist wie Fußball in Deutschland“, sagt Björn Dählie, Norwegens erfolgreichster und immer noch populärster Wintersportler. Heute heißen die norwegischen Langlaufhelden Marit Björgen und Petter Northug. Wegen ihnen kommen an einem Wochentag 100 000 Menschen hinauf an die Strecke.

Auch Familie Aune wird ihre Athleten unterstützen mit den Fähnchen, die jetzt noch in den Schnee gesteckt vor den Zelten wehen. Drinnen haben sich die ersten zur Ruhe gelegt, dick eingemummelt in die Schlafsäcke. Der Wind zieht beißend vorbei. Kalt, nicht? „Nein, nein, dafür haben wir doch das Feuer“, sagen diejenigen, die auf den Holzbänken noch ein bisschen weiterfeiern. Sich selbst, die WM und die Romantik des Ortes.

Gegen vier Uhr in der Nacht geht die Vorstellung von Simon and Garfunkel für diesen Tag zu Ende. Am nächsten Morgen um zehn sitzen sie schon wieder am Feuer. Zum Frühstück gibt es Tee, Schaf – und Bier.

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