Sport : Der warme, kalte Tag von Imola

Vor zehn Jahren starb Ayrton Senna beim Großen Preis von San Marino – Erinnerungen an eine Formel-1-Ikone

Karin Sturm

Es gibt Tage , die brennen sich unauslöschlich ins Gedächtnis. Der 1. Mai 1994 war so ein Tag. Ein schöner, warmer Frühlingstag in Imola – und trotzdem ein Tag von eisiger innerer Kälte, einer, der auch in der Erinnerung seinen Schrecken nicht verliert. An jenem Wochenende fand der Große Preis von San Marino statt. Am Sonntag wird wieder Formel 1 in Imola gefahren, der Grand Prix 2004 von San Marino. Und die Erinnerungen an Ayrton Senna werden spürbar sein.

1994, das Renn-Wochenende. Am Samstag der erste Schock. Der tödliche Unfall von Roland Ratzenberger, dem jungen Österreicher. Einer, der sich am stärksten betroffen fühlte: Ayrton Senna, der dreimalige Weltmeister, Überfigur der Formel 1, vor allem aber ein sehr sensibler, sehr emotionaler Mensch. „In menschlichen Dingen war Ayrton sehr mitfühlend, er hatte da nie diese Härte, die viele andere Männer zeigen“, sagt Ron Dennis, sein früherer Teamchef. Sechs Jahre lang fuhr Senna für McLaren.

Während sich viele nach der Nachricht von Ratzenbergers Tod in sich zurückziehen, weicht Senna der Realität nicht aus. Er fährt zur Unfallstelle. Als er zurückkommt, ist er erschüttert. Jetzt zieht auch er sich zurück. Weiterfahren ist unmöglich.

Am Sonntag steigt er wieder ins Cockpit. Er hatte eine österreichische Flagge dabei, zum Gedenken an Ratzenberger. Erinnerungen einer Beobachterin an diese Szenen, zehn Jahre später: an Sennas Blick ins Leere an der Box, an das kurze Lächeln, als er im Cockpit sitzt, obwohl er innerlich aufgewühlt war. Senna nimmt noch mal, völlig ungewohnt, den Helm ab. Das Lächeln gilt einem Freund: Gerhard Berger, dem Ferrari-Piloten. Und dann, 14.17 Uhr, der Unfall in der Tamburello-Kurve, der Aufprall, die Rote Flagge, die Stille.

Viele wussten instinktiv, dass Senna verunglückt war. Aber sie alle spürten auch diese verzweifelte Hoffnung, dass sie sich irren. Erinnerungen an Gespräche mit ihm: Senna wusste, dass auch er, der Superstar, nicht unverwundbar war. Er redete über seine Angst vor dem Tod. Er hatte intensive Momente, in denen er ans Sterben dachte. Damals, bei jenem Testunfall in Hockenheim. „Da war ich so hoch in der Luft wie ein paar Baumwipfel.“ Und dann noch dieser Satz: „Noch mehr Angst als vor dem Tod habe ich vor dem Gedanken, nach einem Unfall schwerbehindert vegetieren zu müssen.“

Gedanken an früher. Und der Versuch, die schönen Bilder heraufzubeschwören, die Szenen, die seine Persönlichkeit, sein faszinierendes Charisma dokumentierten. Senna war so anders als viele andere Spitzensportler. Er philosophierte, über den Sport, über die Religion, über Menschen. Und dazu dieses Lächeln, das verzaubern konnte, und die Tränen, die er manchmal nicht zurückhalten wollte. Tränen auch damals, nach dem Unfall. Nachrichten aus der Klinik in Bologna treffen ein. Schwerste Kopfverletzungen, keine Hoffnung auf ein Überleben. Noch mehr Tränen, Verbitterung, Verzweiflung.

Senna war ein Perfektionist. Immer ans Limit, das war seine Linie. Aber auch in seinem Sinn für Gerechtigkeit war er extrem. Er machte keine Abstriche, er gab anderen in diesem Punkt kein Pardon. Der Dauerstreit mit dem Erzrivalen Alain Prost und dem damaligen Präsidenten des Welt-Motorsportverbandes, Jean-Marie Balestre, war die Konsequenz dieser Mischung aus Sensibilität und Härte. „Schlimmer als eine Niederlage ist es, betrogen zu werden. Eine sportliche Niederlage kann einen sogar stärken, betrogen zu werden aber ist inakzeptabel“, sagte Senna immer wieder. Und kämpfte dagegen.

Deshalb ist er in Brasilien auch ein Idol, mehr denn je. Er sah den Betrug im eigenen Land, er wollte den Armen und den Ausgebeuteten helfen. Er engagierte sich immer stärker für Kinder und Jugendliche aus den ärmsten Gesellschaftsschichten. Er übernahm Operationskosten für die Ärmsten der Armen und ließ sich schriftlich zusichern, dass der Spender nie bekannt würde. Er gründete eine Stiftung für die Opfer der Umstände. Die Stiftung wird von seiner Schwester Viviane, einer Kinderpsychologin, geführt. Mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche werden gefördert. „Die Reichen können nicht weiter wie auf einer Insel in einem Meer der Armut leben“, sagte Senna.

Sein Tod war in Brasilien ein Schock. In Brasilien weiß heute noch fast jeder genau, was er gerade tat an jenem 1. Mai, als er von Sennas Tod erfuhr, der um 18.40 Uhr offiziell bestätigt wurde. Die Brasilianer verloren nicht nur ein Sportidol, sie verloren eine Hoffnung auf ein besseres Leben, ein Symbol des Aufbruchs. Als sein Sarg durch die Straßen von São Paulo gefahren wurde, standen Millionen am Straßenrand. Drei Tage lang war die Stadt wie gelähmt, selbst die Kriminalitätsrate sank. Heute sind in ganz Brasilien mehr als 100 Straßen, Plätze und Gebäude nach Senna benannt.

Der Abend in Imola, erste Blumen, Kerzen, letzte Grüße. Der Abschied von einem Freund, während langsam die Sonne untergeht. „Als wäre die Sonne vom Himmel gefallen", wird Gerhard Berger später über diese Tage sagen. Die Spuren des Todes sind verschwunden, die verhängnisvolle Tamburello-Kurve ist umgebaut.

Aber die Spuren, die der Mensch Senna hinterlassen hat, sind geblieben. In Brasilien ist die Gesellschaft für die sozialen Probleme der Armen sensibilisiert worden. Es gibt immer noch viel Elend, viel Armut, eine hohe Kriminalitätsrate. Aber es gibt auch viele, die dank der Senna-Stiftung aus dem Elend herausgekommen sind, es gibt viele Menschen, die einen Blick für das Elend haben. Das ist viel mehr, als die meisten Sportler oder andere Stars bewirken. Und dieser geschärfte Blick einer Gesellschaft wäre Ayrton Senna wahrscheinlich wichtiger als all seine Rekorde, als seine drei WM-Titel, seine 41 Grand-Prix-Siege oder 65 Polepositions.

Die Autorin berichtet seit 20 Jahren über die Formel 1 und hat Ayrton Senna in vielen Stunden intensiv kennen gelernt. Sie hat zudem ein Buch über den Brasilianer geschrieben: „Ayrton Senna“, Sportverlag.

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