Sport : Der weiße Sport zu Gast im Township Wegen der Fußball-WM ziehen Rugby-Teams um

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Familie Booman kann es kaum glauben. „Das ist also Soweto“, ruft Suzette, blonde Föhnfrisur, frisch gestärkte Bluse, Designer-Jeans. Ihr Mann liefert sich mit einem schwarzen Jungen ein Vuvuzela-Tröt-Duell, ihr Schwager brüllt voller Stolz in sein Handy: „Ich bin gerade in einer Township-Kneipe ... ja, wirklich!“ Auf seinem Kopf blinken rote Leuchthörner. Er nimmt einen großen Schluck Hansa-Pils aus der Literflasche.

Rugby ist in Südafrika immer noch ein weißer Sport. Vor allem die niederländischstämmigen Buren lieben den körperbetonten Kampf. Und wenn, wie am Sonnabend, die Bulls aus Pretoria gegen die Stormers aus Kapstadt im Finale der Super-14-Liga gegeneinander antreten, ist das einer der Saison-Höhepunkte für die Fans. Im Super-14-Wettbewerb treten die besten Profi-Mannschaften Australiens, Neuseelands und Südafrikas gegeneinander an. Bloß dieses Jahr gab es eine Komplikation, aus aktuellem Anlass: Das Loftus-Versfeld-Stadium in Pretoria musste für die Fußball-WM vorbereitet werden. Die Veranstalter verlegten das weiße Rugby-Finale ins Orlando Stadium nach Soweto – und damit zum ersten Mal ins Herz der schwarzen Millionenstadt im Südwesten Johannesburgs.

Zehntausende Rugby-Fans sind schon Stunden vor dem Anpfiff mit Bussen angereist und ziehen grölend in voller Trikotage über die schmalen Sandstraßen der Siedlung am Stadion. Viele waren, so wie die Boomans, die aus Pretoria angereist sind, noch nie in Soweto. Zwar sind es nur knapp 90 Kilometer von Pretoria zum Stadion, die gefühlte Distanz ist deutlich größer. Im Rudel fühlen sich die Fans sicher, allein oder in kleineren Gruppen würden die meisten von ihnen wohl niemals in dieser Gegend spazieren gehen.

Die Anwohner nutzen die Gunst der Stunde und verkaufen den Fans der Bulls und den Fans der Stormers – die Farbe beider Teams ist blau – Grillwürstchen und Bier. „Schön, dass Ihr hier seid“, sagt Itumeleng Lekgatle, die einen kleinen Straßenverkauf in ihrem Haus betreibt. Man klopft auf die Schulter und umarmt sich. Dass dieses Finale die kleine Schwester eines historischen Ereignis ist, darüber sind sich alle klar: Was Rugby für das „Nationbuilding“ Südafrikas bedeutet, hat die gewonnene Rugby-WM1995 gezeigt, bei dem Tausende Weiße dem frisch gewählten Präsidenten Nelson Mandela zujubelten. Clint Eastwoods Film „Invictus“, der 2009 in die Kinos kam, handelt von dem Sieg des Teams um die Rugby-Legende Francois Pienaar.

Verkäuferin Itumeleng hat alle Hände voll zu tun, das Geschäft läuft gut. Kurz vor dem Anpfiff, als die blau-weiße-Invasion eine Pause macht, schleppt sie den Fernseher in die Garage, damit ihre Großfamilie Platz hat, das bis auf den letzten Platz ausverkaufte Spiel zu sehen. Als die Bulls in Führung gehen, hört man dreimal Jubel: einmal aus dem Stadion, dann etwas zeitversetzt aus dem Fernseher, und schließlich den interessierten Applaus von Familie Lekgatle. Fan werden aus Nationbuilding-Gründen ist gar nicht so leicht – vor allem, weil Rugby für viele Schwarze eng mit der Apartheid verbunden ist. Aber die junge Generation sieht den Sport mit anderen Augen: „Der sieht aber heiß aus“, sagt ein Mädchen, und zeigt auf die Mattscheibe. Sie meint Francois Hougaard, einen Spieler der Bulls, die übrigens mit 25:17 gewinnen.

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