Sport : Der Weltranglistenerste scheiterte beim Grand-Slam-Cup im Viertelfinale

Jörg Allmeroth

Der deutschen Thomas Haas nutzte erbarmungslos die Schwächen des unkonzentrierten AgassiJörg Allmeroth

Der große Tennis-Knaller in der Münchner Olympiahalle endete für Andre Agassi mit einem ernüchternden Rückstoß-Effekt: Im Viertelfinale beim Grand-Slam-Cup scheiterte der amerikanische Weltranglisten-Erste gestern überraschend mit 0:6, 7:6 (7:2), 4:6 an Thomas Haas und büßte womöglich auch für den heftigen öffentlichen Rummel, der in den letzten Wochen nach Bekanntwerden seiner Romanze mit Steffi Graf entstanden war. Die Brühlerin hatte das nervtötende Medientheater rund um die Tennisbühne gemieden und war nicht in der Halle erschienen.

Rund um die olympische Arena herrschte gestern regelrechter Belagerungszustand durch Paparazzi, TV-Teams und Schaulustige. "Die Belagerung durch die Presse hat meine Aufgabe nicht einfacher gemacht", klagte der müde wirkende Amerikaner, der den ersten Satz gegen seinen jungen Herausforderer Haas in nur 17 Minuten verlor. Allein zur Pressekonferenz mit dem Verlierer saßen rund 150 Journalisten im überfüllten Interviewraum. Trotz medialer Verfolgung rund um die Uhr will Agassi noch bis zum Wochenende in München bleiben und sich auf das Turnier in Basel vorbereiten. Auf Fragen, ob er bis dahin seine Freundin noch einmal treffen werde, antwortete Agassi mürrisch: "Sie hat Termine zu erledigen."

Beim ganzen Wirbel um Andre Agassi und Steffi Graf geriet der strahlende Sieg der deutschen Nummer eins Thomas Haas fast aus dem Blickfeld: Mit dem Vormarsch ins Halbfinale des Millionenspiels bescherte sich der 21-Jährige den größten Zahltag seiner Laufbahn. Mit dem Einzug ins Halbfinale waren dem Bollettieri-Schützling bereits 325 000 Dollar Einnahme garantiert: "Das reicht schon mal für einen neuen Ferrari", grinste Haas, der morgen nun entweder auf den Ecuadorianer Nicolas Lapentti oder den Schweden Thomas Enqvist trifft.

"Tommy hat jetzt alle Möglichkeiten, ins Finale zu stürmen", sagte DTB-Teamchef Boris Becker, der die Partie live im ZDF kommentierte. Für Becker war der Triumph gegen den derzeit weltbesten Tennisspieler ein weiterer Beweis für die gewachsene Reife von Haas: "Er kann jederzeit und überall mit den Besten mithalten - und das auf jedem Belag." Agassi gestand zwar auch ein, "dass ich nicht gerade am Limit gespielt habe", doch zugleich lobte er auch Haas, der noch vor zehn Jahren beim gemeinsamen Training in Florida zu ihm selbst aufgeschaut hatte: "Er ist auf dem Weg zu einem ganz großen Spieler."

Haas legte vor 8000 Zuschauern los wie die Feuerwehr und nutzte erbarmungslos die Schwächen des unkonzentrierten Agassi aus, der nach dem Eindruck von TV-Plauderer Becker "wohl mit dem falschen Bein aufgestanden war". 3:0 nach acht Minuten, 6:0 nach 17 Minuten - noch ehe die leicht verspäteten Gäste ihre Plätze im Hallenrund eingenommen hatten, war der erste Satz vorbei. Die Quittung für Agassi: ein lautes Pfeifkonzert von den Rängen. Agassi steigerte im zweiten Durchgang seine Aktivitäten beträchtlich. "Irgendwie wurde ich meine nervöse Energie los", sagte der Ranglisten-Primus, der zwar ein wichtiges Break zum 5:4 noch einmal zum prompten 5:5 verlor, sich dann aber im Tiebreak klar mit 7:2 gegen den zu hektisch wirkenden Haas durchsetzte.

Doch im dritten Satz zeigte Haas Weltklasse-Tennis. Immer, wenn der Deutsche bei seinen Aufschlagspielen in Bedrängnis geriet, wehrte er die Breakbälle mit fulminanten Passierschlägen oder Assen ab. "Ich habe die Big Points gemacht, und das zählt in Spielen mit solchen Stars", freute sich Haas. Sein Fazit: "Ich habe schon mehr als meine Pflicht erfüllt. Jetzt kommt die Kür."
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