Sport : Der Wert der Spiele

Olympia verändert eine Stadt für immer: Barcelona wurde Kulturort, München eine Medienmetropole. Und was kann aus Leipzig werden?

Wolfgang Kleinwächter

Am kommenden Donnerstag bewirbt sich Leipzig offiziell um die Olympischen Spiele 2012. Die sächsische Messestadt gibt ihren Bewerbungsbogen beim Internationalen Olympischen Komitee ab, das dann bis Mitte Mai die offiziellen Bewerbungskandidaten kürt. Im Rennen sind neben Leipzig Megastädte wie New York, London, Paris, Moskau und Rio de Janeiro. Alle Kandidaten erhoffen sich von den Spielen einen wirtschaftlichen Boom und einen langfristigen Imagegewinn. Doch kann Olympia das tatsächlich leisten? Ein internationales Forschungsprojekt, das in der kommenden Woche gestartet wird, soll diese Frage klären. Der Kommunikationsforscher Wolfgang Kleinwächter erklärt schon einmal vorab, welchen Wert die Spiele für eine Stadt haben können.

Ist Leipzig im Jahr 2020 eine „Weltstadt mit Musik“, eine dynamische High-Tech-Metropole, von der man in Tokio wie in Toronto weiß, dass hier nicht nur Johann Sebastian Bach zu Hause war, sondern auch die Freiheit? Und das nicht erst seit 1989, als in Leipzig das Ende des Kalten Krieges begann. Sondern seit 1631, als der Schwedenkönig Gustav Adolf bei Leipzig in der Schlacht von Breitenfeld die „Glaubensfreiheit für die Welt“ rettete. Oder seit 1813, als die Leipziger Völkerschlacht die Befreiung von der Fremdherrschaft Napoleons einleitete. „Friendly Leipzig, Freedom City“ – weiß man das wirklich in aller Welt?

Olympische Spiele werden von Milliarden von Menschen verfolgt. Kein Ereignis garantiert einer Stadt mehr internationale Aufmerksamkeit. Seit 1968 in Mexico City erstmalig Satelliten Live-Übertragung der Sportwettkämpfe im Fernsehen rund um den Globus möglich machten, sind die Spiele zum größten Medienspektakel und zur Triebkraft für die Entwicklung neuer Kommunikationstechnologien geworden.

Wenn die Sportler nach dem Verlöschen der olympischen Flamme nach Hause zurückkehren, bleibt dem Gastgeber in der Regel ein völlig neues internationales Image und eine Infrastruktur auf höchstem Niveau, insbesondere im Bereich von Information und Kommunikation. Barcelona, wo die Spiele 1992 stattfanden, gelang es durch eine geschickte Medienstrategie, die Sport und Kunst verband, sich als Stadt von Miro, Picasso und Gaudi zu präsentieren. Fast unmerklich wandelte sich so das globale Image der Metropole. Aus der dreckigen Hafenstadt der 50er Jahre wurde die europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2000.

Einen ähnlichen Langzeiteffekt erlebte München. Die Spiele 1972 fielen mit dem Beginn der so genannten Informationsrevolution zusammen. Zwar gab es das Internet noch nicht, aber nie zuvor wurden so viele Übertragungen per Satellitenfernsehen realisiert. Und nie zuvor berichteten so viele Journalisten von den Spielen, die trotz der Terroranschläge das Bild einer „Weltstadt mit Herz“ um den Globus trugen. Olympia pushte in München frühzeitig den Strukturwandel von der Industrie- zur Informationswirtschaft und bahnte den Weg zur heutigen Medienmetropole.

Nicht allen Olympiastädten gelang es jedoch, derart nachhaltiges Kapital aus den Spielen zu ziehen. Die Montrealer Bürger zahlen noch heute die für die Spiele 1976 aufgehäuften Schulden ab. Moskau schaffte es nur begrenzt, den kurzzeitigen Schub in langfristiges Wirtschaftswachstum umzusetzen – auch wenn Olympia 1980 ungeachtet des Boykotts der westlichen Welt ein erster Schritt Russlands zur Öffnung in Richtung Westen war, der fünf Jahre später zu Glasnost und Perestroika führte.

Ein Forschungsprojekt der Internationalen Gesellschaft für Medien und Kommunikationsforschung will jetzt durch eine vergleichende Analyse herausfinden, welche langfristigen Wirkungen die Sommerspiele auf das weltweite Image einer Olympiastadt haben. Untersucht werden soll etwa, inwiefern der Bezug auf unverwechselbare Lokalgeschichte, Kultur und Landschaft während der Spiele ein neues globales Image erzeugen kann. Mit Blick auf die für das Ereignis benötigte Infrastruktur für Information soll analysiert werden, wie diese Infrastruktur nach den Spielen international vermarktet werden kann – als dauerhafte Belebung für die Informationswirtschaft und als Motor eines nachhaltigen Strukturwandels.

Für das Projekt wurde ein Forscherteam mit Experten aus Europa, Amerika, Asien und Australien gebildet, das von den Medieninstituten der Universitäten Leipzig und Halle koordiniert wird. Das Projekt startet mit einem Symposium am kommenden Donnerstag in Leipzig. Der Schlussbericht soll bis zum März 2005 vorliegen und dann den Bewerberstädten für Olympia 2012 zur Verfügung stehen.

Zwei Monate später, im Juli 2005, entscheidet das Internationale Olympische Komitee über den Veranstaltungsort der Spiele. Und einige Jahre danach lernt vielleicht die ganze Welt, welche Kultur Leipzig ausmacht.

Der Autor ist Professor für internationale Kommunikationspolitik an der Universität Aarhus in Dänemark und Leiter der Journalistenschule Alfred Neven DuMont an der Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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