Sport : Der Winter der Provokation

Herthas Trainer Hans Meyer registriert mit Befremden, dass Fredi Bobic erst jetzt engagiert trainiert

Stefan Hermanns

Berlin. Fredi Bobic ist immer noch der Mann für die wichtigen Tore. Es ist Sonntagmorgen, die Heizung hat den Rasen nur streifenweise grün bekommen, und auf dem Platz spielen sieben Ersatzspieler und Kotrainer Andreas Thom vier gegen vier. Ein paar Minuten sind schon vergangen, seitdem Trainer Hans Meyer zum ersten Mal angekündigt hat: „Das nächste Tor entscheidet!“ Das Spiel läuft immer noch. „Ich habe nicht das Gefühl, dass wir den Abschluss suchen!“, ruft Meyer. Erst nach mehreren vergeblichen Angriffen ist es schließlich Bobic, der ins Tor trifft. Die Mannschaft ohne Leibchen hat gewonnen. Bobic hebt einen Arm, dann klatscht er einmal in die Hände.

Als die Trainingseinheit vorbei ist, sagt Hans Meyer, der Trainer des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC: „Eigentlich müsste ich ihn jetzt rauswerfen. So wie ich ihn heute wahrgenommen habe, hat er im Trainingslager nicht ein einziges Mal trainiert – nämlich ganz fantastisch. Aber das ist doch verrückt.“

Die ganze Situation ist inzwischen ein wenig verrückt. Am Donnerstag hat Hans Meyer Fredi Bobic mitgeteilt, dass er ihn nicht mit zum Testspiel nach Karlsruhe und wohl auch nicht mit zum Rückrundenstart nach Bremen nehmen würde, tags darauf informierte der Trainer die Mannschaft und die Öffentlichkeit. Bei der Trainingseinheit danach verletzte sich Artur Wichniarek. Am Samstag schließlich, im Spiel beim KSC, zog sich der Brasilianer Luizao einen Adduktorenanriss zu, mit dem er vermutlich sechs Wochen lang ausfallen wird. Und weil der vierte Stürmer, Nando Rafael, in Bremen wegen einer Roten Karte noch gesperrt ist, stand Meyer ganz plötzlich ohne Angreifer da.

Noch am Samstag, nach dem 0:0 beim Zweitligisten Karlsruher SC, hat Herthas Trainer über Bobic gesagt, er habe bei ihm nicht das Gefühl gehabt, „dass er nicht will“. Im Umkehrschluss heißt das: Bobic kann ganz einfach nicht, was Meyer von ihm verlangt: dass er als Stürmer eben nicht nur Tore schießt, sondern auch Bälle sichert, nach hinten arbeitet und unmittelbar nach Ballverlust wieder mitmacht, „sich einbringt in der Ballrückerkämpfung“, wie Meyer sagt.

Wenn nun aber Bobic im Training genau das zeigt, was der Trainer erwartet, könnte Meyers Aktion recht schnell in eine psychologische Meisterleistung umgedeutet werden: zur erfolgreichen Provokation eines Stürmers, der sich selbst viel zu sicher gefühlt und deshalb einen Anstoß von außen gebraucht hat. Aber so ist es nicht. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit einer Mannschaft den Klassenerhalt schaffen kann, die ich provozieren muss“, sagt Meyer. „Der Herbst war Provokation genug.“

Dass Bobic am Samstag in Bremen spielt, ist auch unter den veränderten Rahmenbedingungen keineswegs sicher. Schließlich waren es sportliche Erwägungen, die Meyer zu seiner Entscheidung gegen den Nationalstürmer bewogen haben, keine disziplinarischen. „Für mich ist er nicht rausgeschmissen“, sagt Herthas Trainer. „Ich habe ihn nur für Bremen gedanklich nicht nominiert.“ Eine knappe Woche bleibt Fredi Bobic jetzt noch, um Meyer im Training von seiner grundsätzlichen Eignung für die Position im Sturm zu überzeugen. Aber wieso sollte ihm in einer Woche gelingen, was er zuvor in drei versäumt hat?

Bobic selbst schweigt immer noch zu seiner Situation, während Meyer über die Aufstellung in Bremen sagt: „Ich weiß noch nicht, wie ich’s mache. Manchmal geht es auch ohne Stürmer.“ In Herthas Kader gäbe es einige Mittelfeldspieler, die als hängende Spitze spielen könnten: Bart Goor, Alexander Mladenow oder auch der Brasilianer Marcelinho. Manager Dieter Hoeneß sagt: „Bei Auswärtsspielen, zum Beispiel in Bochum, hat sich das bewährt.“

Für Herthas Manager ist die Situation im Sturm trotz der Verletzungspause von Luizao „nicht so ein dramatisches Problem. Wenn Nando Rafael seine Sperre abgesessen hat, ist das Thema auch wieder entspannter.“ Dass Hertha BSC vor Ablauf der Transferperiode am kommenden Montag noch einen Angreifer verpflichtet, ist keineswegs sicher. „Die Wahrscheinlichkeit liegt unter 50 Prozent“, sagt Dieter Hoeneß. Wenn aber noch ein neuer Spieler kommt, wird es keiner für das rechte offensive Mittelfeld sein, sondern ein Stürmer. „Das ist ganz sicher so“, sagt Hans Meyer. „Da müssen wir jetzt Prioritäten setzen.“

Beim Test in Karlsruhe hat sich gezeigt, dass die Mannschaft die von Meyer entworfene Grundordnung in der Defensive immer besser umsetzt, aber „wir werden den Klassenerhalt nicht schaffen, wenn wir nicht in irgendeiner Weise torgefährlicher werden“, sagt der Trainer. Hertha sucht daher einen Stürmer, „der in etwa garantiert: Er macht in der Rückrunde sechs oder sieben Tore“. Das Anforderungsprofil macht die Suche nicht unbedingt einfacher: „Er soll wenig kosten“, sagt Meyer, „selbst auf Gehalt verzichten und auch noch Weltklasse sein.“

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