Sport : Der Winter in der Verlängerung Die Absagen im Berliner Fußball und ihre Folgen

Claus Vetter

Berlin - Die Prozedur gleicht sich. Woche für Woche. Beim 1. FC Union wird fleißig trainiert, Trainer Frank Lieberam stellt sein Team auf den nächsten Gegner in der Fußball-Regionalliga ein, macht die Aufstellung – dann kommt die Absage, weil der Platz nicht bespielbar ist. Der lange Winter ist schuld daran, dass Klubs unterhalb der Zweiten Liga dieses Jahr bislang kaum antreten konnten. Union hat seit dem 11. Dezember nur ein Punktspiel bestritten. Auch die für Freitag vorgesehene Partie bei den HSV-Amateuren wurde verschoben, zum Ärger von Lieberam: „Langsam nervt das, die erneute Absage ist ein Dämpfer für die Truppe nach der harten Vorbereitung.“

Berlins Amateur- und Nachwuchskickern ergeht es da nicht besser: Der Berliner Fußball-Verband (BFV), zuständig für alle Klassen unterhalb der Oberliga, hat am Donnerstag zum vierten Mal in Folge alle Partien abgesagt. Bei einer weiteren Absage werde der BFV „einen Notplan“ bemühen, sagt Bernd Wusterhausen, Vorsitzender des Spielausschusses. „Dann wird die Saison um einen Spieltag verlängert.“ Auch Wusterhausen ärgert sich über den langen Winter. „Kein Mensch konnte so etwas ahnen.“ Allerdings waren verschneite Plätze vor einigen Jahren noch nicht unbedingt ein Hinderungsgrund für Freizeitkicker. Warum geht nicht mehr, was früher ging? Die Sportämter hätten Angst, dass ihr vermatschter Rasen Schaden nehme, sagt Wusterhausen: „Und dann ist der Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft. Alles verweichlicht. Das fängt oben an, in der Bundesliga haben sie beheizten Rasen. Heute möchte keiner mehr über den Schnee rutschen.“ Das soll auch niemand, heißt es beim Sportamt Charlottenburg. Bei vielen Plätzen im Bezirk seien in den jüngsten Wochen sogar die Zugangswege vereist gewesen. „Da kann man nicht verantworten, dass ein Spiel ausgetragen wird“, sagt der Platzwart des Sportamts Charlottenburg.

Die Diskussion darüber, dass die Winterpause zu kurz ist, sei müßig, sagt Wusterhausen. „Verlängern wir die Pause, wird der Winter mild.“ Und bislang habe sich noch kein Verein beim BFV über die Absagen beschwert. Weiter oben wird das anders gesehen. „Es macht wenig Sinn, dass im Sommer wochenlang nicht gespielt wird, dafür aber im Februar gespielt werden soll“, sagt Lars Töffling, Sprecher des 1. FC Union. Für seinen Klub, der unter der Regie des Nordostdeutschen Verbandes kickt, haben die Absagen wirtschaftliche Folgen. Nun muss Union im April gleich sechs Heimspiele an der Alten Försterei austragen. Der Fan kann zum Paketpreis von 40 Euro zuschauen – für Union kein Geschäft. „Wir leben von den Zuschauereinnahmen“, sagt Töffling. „Die Absagen bringen uns in eine finanziell äußert ungünstige Situation.“ Vom Sportlichen ganz zu schweigen: Am Freitag hat Union wieder nur trainiert statt gespielt, am Wochenende gab Trainer Lieberam seinen Spielern frei. „Ein weiteres Testspiel wäre der Motivation meiner Spieler nicht zuträglich“, sagt er. Ein Glück, dass nun Tauwetter ist.

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