Sport : Der WM-Lehrling

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Von Christoph Kieslich

Winden. Zwischen all den körperlichen und seelischen Pflegefällen von Rudi Völler wirkt Christoph Metzelder schon wie ein Hoffnungsträger. Das Nesthäkchen der nationalen Fußball-Familie könnte am 1. Juni in Sapporo eine gewichtige Rolle spielen, wenn Deutschland gegen Saudi-Arabien in die Weltmeisterschaft einsteigt. Nach Stand der Dinge sind Thomas Linke und Metzelder die einzigen voll tauglichen Verteidiger, die dem Teamchef zur Verfügung stehen.

Weil Christoph Metzelder zur neuen Profi-Generation mit Deisler und Kehl zählt, die ihren Öffentlichkeitsberater implantiert zu haben scheinen, äußert sich auch der Spieler des neuen Deutschen Meisters umsichtig und mit wohl gesetzten Worten: Überhaupt im WM-Aufgebot zu stehen, damit habe ja keiner rechnen können. Vor zwei Jahren, als der gebürtige Münsteraner in Dortmund ins kalte Wasser geworfen wurde, ging es für die Borussia gegen den Abstieg. Daran wollte Metzelder jetzt, da er plötzlich im Mittelpunkt angekommen ist, erinnert haben. Und an die Zeit Ende 2000, als er seine erste langwierigere Verletzung erlitt und in dieser Phase erfuhr, wie Matthias Sammer an ihm festhielt und auf ihn baute.

Lernen und was fürs Leben mitnehmen – das taucht immer wieder im Gespräch mit dem 21-Jährigen auf. „Ich bin hier der Lehrling", sagt er. Gegen Kuwait verteidigte er an der Seite von Thomas Linke, was gegen einen allenfalls viertklassigen Gegner keine Kunst war, aber immerhin eine Kerbe mehr an Länderspielen bedeutet. Denn nur an einer Stelle will man Christoph Metzelder in diesen Tagen die Gelassenheit nicht abnehmen. Rudi Völler hatte darauf bestanden, dass die Jung-Dortmunder Kehl und Metzelder das Meisterfest daheim sausen lassen, um des Benefizspiels gegen Kuwait willen. „Es wäre schon schön gewesen, in Dortmund dabei zu sein", räumt Metzelder immerhin ein. Und legt sogleich pflichtbewusst nach: „Aber im Vordergrund stand, ein weiteres Länderspiel zu machen."Er berichtet von der „großen Erfahrung" für einen Novizen wie ihn, jeden Tag neben einem 30-jährigen Bundesliga-Verteidiger arbeiten zu dürfen. Christian Wörns, der nun auch noch am Knie operiert werden musste, dessen WM-Einsatz aber wohl nicht gefährdet ist, hat Metzelder vor allem eines voraus. „Er spielt konstant auf hohem Niveau", sagt Metzelder. „Das ist mein Ziel, da will ich hin."

Es kann gut sein, dass der junge Mann schneller auf den Weg geschickt wird, als ihm lieb ist. Als einer der Gewinner der Saison könnte es nun im Nationalteam auf ihn ankommen, falls Wörns und Rehmer die Genesung nicht rechtzeitig schaffen. Metzelder verkörpert jedenfalls jenen neuen Typ Verteidiger, den eine Mannschaft heute auf höchstem Niveau benötigt: Als Mittelfeldspieler ist er in den letzten zwei Jahren sukzessiv nach hinten gerückt, fühlt sich allen Systemanforderungen gewachsen und bringt dort auch Qualitäten für den Spielaufbau ein. „Die Anforderungen an einen Verteidiger", sagt Metzelder, „sind vielfältiger geworden."

Rudi Völler scheint den frischen Wind aus Dortmund zu spüren: „Er gehört zu den jungen Spielern, die vor einem halben Jahr noch nicht an ihr Glück geglaubt haben. Er hat bei der Borussia Jürgen Kohler Stück um Stück verdrängt und macht seine Sache schon ordentlich." Mehr kann ein Lehrling eigentlich gar nicht vom Chef hören wollen.

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