Sport : Der zahme Brecher

Stefan Hermanns

Von Uli Hoeneß, dem mächtigsten aller Manager in der Fußball-Bundesliga, ist bekannt, dass er sich fürsorglich um seine Angestellten kümmert. Oliver Kahn hat vor kurzem berichtet, dass der angeblich so herzlose Hoeneß ihm einmal eigenhändig die Stollen unter die Fußballschuhe geschraubt habe. Zuletzt nun hat der Manager des FC Bayern die Lage seines Stürmers Carsten Jancker überdacht und dabei festgestellt, dass dessen Situation in München eigentlich untragbar sei. Ein Mann mit diesen fußballerischen Fähigkeiten und dann nur- x-te Wahl beim FC Bayern - das hat Jancker wirklich nicht verdient. Der großherzige Uli Hoeneß hat dem Nationalstürmer daher in Aussicht gestellt, den Verein vorzeitig verlassen zu dürfen - wenn denn sein neuer Arbeitgeber bereit ist, dafür zehn Millionen Euro nach München zu überweisen.

Wenn Uli Hoeneß solche Gedanken öffentlich ausspricht, kommt das schon fast einer fristlosen Kündigung gleich. Jancker hat bei den Bayern keine Zukunft mehr, Sorgen um sein Wohlergehen muss er sich trotzdem nicht machen. Gute Stürmer sind heutzutage schwer zu finden und Ablösesummen in zweistelliger Millionenhöhe für talentierte Angreifer eher die Regel. Schon deshalb müssten sich genügend Vereine finden, die Interesse an der Verpflichtung des vermeintlichen Sozialfalles Jancker haben. Hertha BSC ist einer davon.

Schon vor einem Monat hat Dieter Hoeneß, der Manager des Berliner Bundesligisten, zugegeben, dass Jancker "natürlich ein Thema für uns" ist. Allerdings hatte Hoeneß nicht vermutet, "dass die Bayern akuten Handlungsbedarf in dieser Frage haben". Die neue Entwicklung kam auch für Hertha überraschend; an eine Verpflichtung zur Winterpause war bisher nicht gedacht, zumal fraglich ist, ob den Berlinern überhaupt die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung stehen. Der nächste größere Kapitalzufluss findet erst im Sommer statt, wenn Hertha für Sebastian Deisler 9,2 Millionen Euro aus München bekommt, also weniger, als die Berliner für Jancker bezahlen müssten.

Dabei erscheint eine Verpflichtung des 27 Jahre alten Nationalspielers durchaus sinnvoll. Die Stürmer, die der FC Bayern zu viel hat, hat Hertha zu wenig, selbst wenn man Alex Alves und Ali Daei noch als vollwertige Mitglieder des Kaders wertet. Doch das tut niemand. Bleibt eigentlich nur Michael Preetz, der nach derzeitigem Stand im Sommer aufhört. "Natürlich ist Jancker ein Spieler, der für uns als Typ infrage kommen könnte", sagt Dieter Hoeneß.

Böswillige Menschen könnten diesen Satz anders auslegen, als er eigentlich gemeint war: Carsten Jancker hat lange den Ruf gehabt, mit rechtsextremem Gedankengut zu sympathisieren; das würde demnach ganz gut passen zu einigen Fangruppen Herthas. Eindeutige Beweise für eine Verstrickung Janckers in die rechte Szene gibt es jedoch nicht. "Alles erfundene Dinge" seien das, sagt Jancker. Die Vermutung stützt sich wohl vornehmlich auf seine Frisur, die dem Neonazi-Schick täuschend ähnlich sieht. Für Jancker sind unsichtbar kurze Haare jedoch kein politisches Bekenntnis, sondern ein Resultat seines ästhetischen Empfindens: "Ich fühle mich nun einmal wohl damit."

Überhaupt ist das Bild Janckers in der Öffentlichkeit äußerst widersprüchlich. Sein Nationalmannschaftskollege Jens Lehmann hat ihn einen "Gossenjungen" genannt, für die "Süddeutsche Zeitung" ist er hingegen "ein freundlicher Zeitgenosse". Janckers Auftreten auf dem Fußballplatz stützt diese These jedoch nicht unbedingt. Jancker polarisiert, er legt sich gerne mit den Fans des Gegners an, gelegentlich auch mit dessen Trainer wie im Vorjahr mit Berti Vogts von Bayer Leverkusen. Manchmal hat man das Gefühl, Jancker braucht das.

Aber vielleicht täuscht auch das über den wahren Charakter dieses Menschen hinweg, der unter Lebensqualität "vor allem das Lachen meiner kleinen Kinder" versteht und dem der "Stern" einmal "die Kraft eines mecklenburgischen Werftarbeiters, gepaart mit dem Raumgefühl eines Billardspielers" attestiert hat. Ohnehin täuscht so einiges an Jancker. Von seiner Statur her - 93 Kilo bei 1,93 Meter Körpergröße - gehört er eher zu den Erben Horst Hrubeschs. Doch Jancker sagt: "Ich sehe mich nicht als Brecher." Der Hüne mit der Türsteherphysiognomie versteht es sogar, erstaunlich filigran mit dem Ball umzugehen. Sein Kopfballspiel hingegen wirkt fast tölpelhaft. Wann immer es geht, nimmt Jancker anstelle seines Kopfes den Fuß zur Hilfe. An der Angst um seine Frisur kann das eigentlich nicht liegen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben