Sport : Der Zauberschüler

Oliver Trust

In den VIP-Raum führt eine schmale Eisentreppe, wie sie sonst für Heizungskeller benutzt wird. Von den Holzbuden bröckelt Lack, die morschen Fensterläden sind ein Fall für die Versicherung. Die Mitarbeiter der Geschäftsstelle hocken in schmutzigen Containern direkt neben der Stadionwand. "Fußball spielen hinter der Haupttribüne verboten" steht auf dem Zettel der Stadtverwaltung. Die Schaltzentrale des Mainzer Fußballs versprüht eingeklemmt zwischen Eislaufhalle und Universität vor dem Pokalduell heute mit dem 1. FC Kaiserslautern ihren ganz eigenen Charme. Und mitten drin er. Jürgen Klopp, der Harry Potter der Zweiten Liga.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Ein Mann, der, so heißt es, Wunderdinge vollbringt. Mit "Fußballern, die keiner haben wollte", stürmte er an die Tabellenspitze der Zweiten Liga, jetzt soll er den großen FCK aus dem Pokal werfen. Es sind turbulente Zeiten in Mainz. Die Zeitungen schreiben, dass der Aufstieg in die Bundesliga droht. Das Stadion am Bruchweg aber ist nicht erstligatauglich. Jetzt hilft Landesvater Kurt Beck mit Geld für einen Ausbau. Kaum einer würde besser in dies sympathische Durcheinander passen als Klopp. "Wenn einer Verständnis für Schwächen hat, dann ich", meint er. "Ich hatte selber viele", sagt er und rückt die Nickelbrille zurecht. "Harry Potter? Die Leute müssen sich irgendwie erklären, warum wir da oben sind. Meine Kotrainer sehen wirklich aus wie Ron und Hermine".

Ron und Hermine sind die Schulfreunde vom Zauberschüler und liebenswerten Außenseiter Harry Potter. Bei Mainz 05 kommt eine Mischung aus "fliegendem Klassenzimmer" und Abenteuer aus Piratenfilmen dazu. "Von uns hatte keiner richtig Erfolg. Wir sind in die Saison gegangen und wollten was reißen." Und mitten drin er. Ein Trainer, als Übergangslösung gedacht, der sagt, einer seiner größten sportlichen Erfolge, sei "der Gewinn des Pfingstturniers des TuS Ergenzingen" gewesen. Ein Schwabe, 36 Jahre, 325 Zweitligaspiele für den 1. FSV Mainz 05. "Es ist eine günstige Konstellation", sagt er. "In Mainz wollen alle, dass es funktioniert. Nach sieben Siegen ist die Mannschaft heiß wie Frittenfett auf den achten Erfolg."

Mainz 05 steht auf den Kleinbussen, die in der Kaserne der Bereitschaftspolizei Rheinland-Pfalz parken. Klopp und seine Spieler trainieren hier, weil die Plätze am Bruchweg "im Eimer sind". 25 Minuten Fahrt durch die Stadt, die Sitze der Autos mit Kreppband geklebt. Als Zweitligatrainer darf man nicht kleinlich sein. Selbst der Mann von der Polizei, der fürs Werksheft der Kaserne fotografiert, darf unbehelligt mitten im Training über den Platz latschen.

Nichts bringt ihn aus der Ruhe. Nicht sein Ruf als Intellektueller ("Es kommt schon vor, dass ich ein Buch lese"), nicht die Bundesliga ("Wir spinnen nicht, was die Zukunft angeht") und nicht einmal sein zwölf Jahre alter Sohn Marc, wenn der ihm nach einem Auftritt im Fernsehen sagt, dass er viel zu viel Mist gelabert habe. "Ich lebe ein normales Leben", sagt er. "Das einzige, was fehlt, ist die Distanz zur Mannschaft." Es war ein eigenartiger Moment, als er nach zwölf Jahren seinen Platz als Spieler in der Kabine räumte und plötzlich Trainer war.

Jetzt will er den Faktor Zufall auf dem Fußballplatz aus dem Weg räumen. "Sieg und Niederlage müssen erklärbar sein", sagt er. "Man muss Spiele gewinnen, weil man eine Entwicklung durchgemacht hat", sagt er. "Keiner verliert ein Spiel, weil er irgendwo einen Zweikampf verloren hat." Darüber hat er auch schon mit Paul Breitner gestritten, der mit den jungen Trainern Klopp und Rangnick nichts anfangen konnte, die ihm zu wenig Respekt vor großen Namen zeigten. Nur eine Werbepause hat Breitner damals im Deutschen Sportfernsehen davor bewahrt, vor Publikum belehrt zu werden.

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