Sport : Der Zaunkönig und seine Schar

Bei den Wahlen zum Aufsichtsrat des Hamburger SV stellen sich die Fans gegen die Führung

Karsten Doneck

Berlin - Es existieren diese wenig vorteilhaften Bilder. Jojo, wie er im Stadion auf dem Zaun sitzt. Jojo mit freiem Oberkörper, den Mund weit aufgerissen, die geballte Faust himmelwärts gereckt. Jojo ist Fan des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV. Oberfan nennen ihn manche. Er animiert den HSV-Anhang, zum Anfeuern, zum Mitsingen. Und wenn es gegen die von der Weser geht, fordert er auch mal per Megafon die ganze Nordtribüne auf, das Lied anzustimmen mit dem Refrain „Scheiß Werder Bremen".

Jojo heißt mit bürgerlichem Namen Johannes Liebnau. Der Mann ist 26 Jahre alt und im Vertrieb einer Brauerei tätig. Er will jetzt noch näher ran an seinen HSV. Liebnau ist einer von 20 Kandidaten, die sich heute auf der Mitgliederversammlung des Vereins um einen der acht noch freien Plätze im insgesamt zwölfköpfigen Aufsichtsrat bewerben. Wer zum Aufsichtsrat zählt, besitzt Macht: Er bestimmt maßgeblich mit, wer im Präsidium des Hamburger SV das Sagen hat. Eine „ganz entscheidende Weichenstellung für die nächsten Jahre“ erwartet Bernd Hoffmann, der Vorstandsvorsitzende, von der Wahl.

In gehobenen HSV-Kreisen rümpfen sie über Leute wie Liebnau die Nase. Hamburg gilt als die Stadt der honorigen Kaufleute, der HSV als Repräsentant des noblen, des feinen Hamburgs. Die Schmuddel ecke im Hamburger Fußball besetzt nach HSV-internen Vorstellungen allein der FC St. Pauli. Liebnau und der HSV – das passt nur so lange zusammen, wie der Oberfan auf dem Zaun bleibt und nicht in den Aufsichtsrat drängt.

Es gab Versuche, Liebnaus Kandidatur abzuwürgen. Einer im Verein entdeckte in der Satzung einen Paragrafen, wonach jemand nicht in den Aufsichtsrat darf, wenn die Firma, für die er tätig ist, auch mit anderen Bundesligisten intensive wirtschaftliche Kontakte pflegt. Das ist bei Liebnaus Arbeitgeber der Fall. Dem Ehrenrat des HSV war diese Begründung zu windig. Das Gremium stimmte Liebnaus Kandidatur zu.

Liebnau gehört zur Basis. Zu den Supporters. Von denen gibt es beim HSV inzwischen mehr als 50 000. Alle sind Mitglieder im Verein, alle sind stimmberechtigt bei der Wahl zum Aufsichtsrat. Sie können auf der Mitgliederversammlung, wenn sie nur wollen, alles und jeden niederstimmen. Vier dieser Supporters stellen sich zur Wahl in den Rat: Liebnau, Anja Stäcker, Ingo Thiel und Manfred Ertel. Hamburgs Boulevardpresse jaulte auf, vom bevorstehenden Umsturz war dort die Rede und von Revolte. „Es wird die Mär aufgebaut, dass wir Pöbel sind“, zürnt Manfred Ertel. Ertel ist 58 Jahre alt, er ist Journalist beim „Spiegel“. Auch Stäcker als Bankkauffrau und Thiel als Leiter einer PR-Agentur kommen aus der seriösen Ecke.

Widerspenstig könnten sie trotzdem werden: Ein Teil der Fans, die auch Mitglieder sind, maulen seit längerem, weil ihr Verein keine Kuschelecken mehr bietet. Alles sei zu professionell durchgestylt, das finanzielle Risiko zu hoch und die Eintrittspreise nahezu unerschwinglich. Und Schuld an allem habe nur einer: Bernd Hoffmann. Der hatte schließlich auch schon mal die im modernen Fußball übliche Ausgliederung der Profiabteilung durchzusetzen versucht, um mehr Kapital akquirieren zu können. Da bangten die Fans sogleich um den Fortbestand ihres HSV – ähnlich wie es jetzt bei einem Wahlausgang zugunsten der Supporters die honorigen Herren tun. Hoffmanns Vorschlag wurde abgeschmettert. Moderne Zeiten? Nicht beim HSV.

Die HSV-Führung hat Abwehrme chanis men aktiviert: Handwerkskammer-Präsident Peter Becker kandidiert nun ebenso für den Aufsichtsrat wie etwa der Unternehmer Alexander Otto, Sohn des Versandhausgründers Werner Otto. Das sind Leute, die helfen sollen, den Geldzufluss zu steigern. Auf der Versammlung im Januar 2008 gab es betörend schöne Zahlen zu hören: Mit 139,7 Millionen Euro hat der HSV im Geschäftsjahr 2006/2007 einen Umsatzrekord erzielt, innerhalb von fünf Jahren seinen Umsatz damit mehr als verdoppelt. Wo viel Geld ist, ist auch Erfolg: Der HSV steht sportlich so gut wie lange nicht da.

Um den Supporters Anreize zu geben, nicht blindlings nur „ihre“ Leute zu wählen, kamen dem HSV gute Ideen. Auch Sergej Barbarez, früher HSV-Profi mit hohem Beliebtheitsgrad, stellt sich dem Mitgliedervotum. Wie Marek Erhardt, von Beruf Schauspieler und bis Ende voriger Saison Stadionsprecher. Horst Becker, aktuell Chef des Aufsichtsrates, mahnt zur „Geschlossenheit, um den eingeschlagenen Kurs erfolgreich fortzusetzen“. Aber: Es prallen heute bei der Wahl krasse Gegensätze aufeinander. Auf der einen Seite stehen die, die vor allem ihren Idealismus einbringen. Auf der anderen Seite die, die das Geld für den Verein besorgen helfen. Vielleicht ist ja eine gute Mischung aus beidem die gesundeste Lösung für den Verein. Und selbst Jojo Liebnau, die Reizfigur, gibt sich jetzt vor den Wahlen lammfromm. Er verspricht, „die satzungsgemäßen Aufgaben des Aufsichtsrates verantwortungsvoll zu erfüllen“. Wenn er denn gewählt wird.

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