Sport : Der Zeitgeist slidet

Warum der deutsche Snowboardprofi Christophe Schmidt nicht viel von Olympischen Spielen hält

Benedikt Voigt

Fahre vorwärts mit genug Speed auf den Kicker an. Sobald du den Absprung hochfährst, den Körper in die gewünschte Richtung vordrehen – bei einem Backside 360er nach rechts, wenn du regular auf dem Board stehst. Wenn du goofy stehst, dreh’ dich nach links.

Anleitung des Snowboardprofis Christophe Schmidt für einen Backside 360er

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Berlin - Es ist nicht so, dass sich Christophe Schmidt überhaupt nicht auf die Olympischen Spiele 2006 vorbereiten will. Zwar wird der Snowboardprofi nie vorher die Halfpipe besichtigen, in der bei den Spielen in Turin die Medaillen ausgefahren werden. Aber er hat sich doch so etwas wie Training verordnet. „Ein paar Wochen vorher“, sagt der 21-Jährige.

Willkommen in der Welt der Snowboarder. Hier zählen Medaillen bei Olympischen Spielen nicht viel. „Das bringt mir nichts“, sagt Christophe Schmidt. Hier zählen Image und Style, und beides beeinflusst ein talentierter Snowboarder am besten positiv, indem er in den wichtigsten Videos der Szene auftritt. „Wenn du in einem Video mit den besten Snowboardern auftauchst, bringt dich das extrem weiter“, sagt Schmidt. Es gibt eine weitere Möglichkeit, sich einen guten Namen zu machen. Beim heute beginnenden Air&Style-Festival in Seefeld.

„Das ist der wichtigste Wettbewerb in Europa“, sagt Schmidt, der sich heute für die zweite Runde am Samstag qualifizieren will. Zu den Favoriten zählt der 18-jährige Vorjahressieger Shaun White aus den USA, ein Star der Snow- und Skateboardszene. Das Festival, das ab dem kommenden Jahr im Münchner Olympiastadion ausgetragen wird, drückt den Lebensstil der Snowboarder aus. Bands wie die Beatsteaks, Gentleman oder die Fantastischen Vier treten zwischen den Runden vor rund 20000 Fans auf. Zwischendurch hüpfen ein paar Motocross-Freestyler durchs Gelände.

Im Seefelder Snowboard-Parcours spiegelt sich auch eine jüngere Entwicklung wider: Slope-Style. „Die Fis hinkt wieder hinterher und macht nur Big Air“, sagt Schmidt. Soll heißen, dass bei den Wettbewerben des Weltverbandes Fis die Snowboarder lediglich über eine große Schanze springen. Beim Air&Style rutschen sie zusätzlich im Gelände über Metallstangen und Rampen. Auf Snowboardisch: Sie sliden über Rails und Ramps.

Die Sprache drückt bereits die Parallelwelt aus. Snowboard ist ein eigener, abgeschlossener Markt mit eigenen Produkten und Herstellern. Einige Profis, vor allem in den USA, können davon leben, in Deutschland sind es rund 20. „Es ist eine kleine Szene, die den Trend prägt“, sagt Schmidt. Der Junioren-Weltmeister 2003 in der Halfpipe gehört zum deutschen Ratiopharm-Team und hat fünf weitere Sponsoren. Da seine Eltern Skilehrer sind, finden sie die ungewöhnliche Berufswahl gut. „Sie erkennen, dass da ein Traum in Erfüllung geht.“

Lange kann er den Beruf allerdings nicht ausüben, der 30-jährige Xaver Hoffmann gilt bereits als Ausnahme. „Das geht körperlich nicht“, sagt Schmidt, „der Sport entwickelt sich sehr schnell weiter, und die Jungen rücken nach.“ Er ist einer von ihnen. Seine nächsten Ziele sind die US Open in Stratton und die Weltmeisterschaft in Whistler Mountain. „Die restliche Zeit möchte ich in Filme investieren“, sagt Schmidt, „sonst wird das nichts.“

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