Sport : Der Zeitsprung

Warum die deutsche Leichtathletik eine wie Heike Drechsler immer noch braucht

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Von Robert Hartmann

Leverkusen. An der Weitsprunggrube sah es schlecht aus. Heike Drechsler begann mit Weiten von 6,40 m und 6,47 m, und die Zuschauer dachten, sie ist 37 und hat schon genug gewonnen. Zwei Olympiasiege und vier Europatitel. „In meinem Alter klappert es schon mal“, stellte sie später selbstironisch fest. Aber nach dem dritten Versuch leuchtete plötzlich eine verheißungsvolle Zahl auf: 6,85 m. Deutsche Jahresbestleistung. Die 4000 im Leverkusener Manforter Stadion schrien auf, und die Thüringerin tanzte vor der Haupttribüne und warf die Arme in die Luft. „Die erste richtige Weite der Saison, damit kann ich anfangen, Stück für Stück.“

Deutsche Meisterin war sie mit nur 6,64 m geworden. Aber jetzt waren die wochenlangen Sorgen um die empfindlichen Beinmuskeln weg. Sie hatte wieder einmal die Zeit angehalten, eine beharrliche Frau. Und sie dachte elf Tage weiter, an die Europameisterschaften im Münchner Olympiastadion. Dort wolle sie „der Russin Kotowa Paroli bieten". Ihre zwölf Jahre jüngere Gegnerin führt die Weltrangliste mit 7,42 m an und ist für Weiten jenseits der sieben Meter immer gut.

Der gute Nachwuchs fehlt

Der letzte EM-Test vertrieb gerade noch zur rechten Zeit wenigstens ein paar Zweifel, die bei der deutschen Leichtathletik derzeit angebracht sind – und es wohl noch eine ganze Weile sein werden. Die olympische Kernsportart leidet hierzulande an Jugendentzug. Die Junioren waren gerade erst von den globalen Titelkämpfen in Kingston/Jamaika mit dem unfassbaren 17. Medaillenrang wieder nach Hause geschickt worden. Aber am Samstagnachmittag im Schatten des Bayer-Kreuzes wollte etwa der Cheftrainer Bernd Schubert lieber im Jetzt und Heute leben. „Ausgezeichnete Ergebnisse“ ließen auf ein „sehr gutes Abschneiden“ in München hoffen.

Dabei hatte Ingo Schultz am Morgen noch erzählt, wie er die aktuelle Europa-Bestenliste angeschaut und enttäuschend wenige n seiner Kollegen auf den vorderen Plätzen entdeckt hatte. Die erfreulichste Erkenntnis von Leverkusen war dann, dass drei prominente Wackelkandidaten die Fragezeichen hinter ihren Namen in Ausrufezeichen umgebogen hatten. Das waren neben Heike Drechsler ihr Kollege Olympiasieger über 800 m, Nils Schumann, mit 1:45,11 Minuten und die Europameisterin Grit Breuer mit 51,12 Sekunden über 400 m. Wegen Achillessehnen-Beschwerden hatte sie neun Wochen lang nicht laufen können.

Beide boten neue deutsche Jahresbestzeiten, freilich keine von der besonders spektakulären Sorte. Doch ihre souveränen Auftritte taten ihnen gut. Diesem Trio stellte sich außerdem noch ein Quartett zur Seite, dem für die EM ebenfalls viel Gutes zugetraut werden kann. Schultz selbst schloss am Tag nach seinem 27. Geburtstag seine Generalprobe mit einer weiteren deutschen Bestmarke 2002 ab, mit 20,77 Sekunden über 200 m, Astrid Kumbernuss stieß die Kugel auf 19,75 m, Steffi Nerius warf mit 64,55 m so weit wie seit zwei Jahren nicht mehr, und Lars Börgeling schwang sich mit dem Stab über 5,85 m. Er ist der Aufsteiger des Jahres und spätestens seit Samstag der heimliche EM-Favorit. Nur der schillernde Tim Lobinger sprang mit 5,90 m schon höher. In Leverkusen bog er allerdings schon nach überquerten 5,50 m mit dramatischer Geste ab. „Tim,“ rauschte es aus dem Mikrofon, „wird von Wadenkrämpfen geplagt.“

Das Phänomen Schumann

Schumann wird allmählich zum Phänomen. Oft ist er krank, oder er fällt vom Rad und bricht sich einen Arm, oder er stolpert im Wald über eine Wurzel und prellt sich die Rippen, und dann verliert er überall, sogar bei den deutschen Meisterschaften. Vor Großereignissen pumpt er sich dann im Trainingslager im Thüringer Wald wieder auf. In Leverkusen sagte er: „Heute hatte ich ein bisschen Hosenflattern.“ Doch dann überwand er sich selbst und spurtete wie in seinen besten Tagen. „Es ging nur um den Sieg, das kann ich am besten.“ Aus einer zehnprozentigen Medaillenchance machte er eine 99-prozentige. Es werden ihm, der bis zu seinem 22. Lebensjahr außer dem Welttitel alles gewann, zuweilen Motivationsprobleme nachgesagt. Es scheint, dass er es allen beweisen will, immer wenn er am Abgrund steht.

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