Sport : Der Zimmerpartner des Sportlers sagt in der "Zahnpasta-Affäre" aus

Der Fall Dieter Baumann entwickelt sich spannender als mancher Kriminalroman. Der von der Staatsanwaltschaft im Zuge der "Zahnpasta-Affäre" vernommene "Mister X", der im Juli 1999 in St. Moritz mit dem unter starkem Dopingverdacht stehenden Olympiasieger unter einem Dach wohnte, hat Baumanns sportliche Konkurrenten Stephane Franke und Damian Kallabis, die mit Baumann nicht gerade freundschaftlich verbunden sind, ins Spiel gebracht. Beide waren mehrfach in der als Massageraum genutzten Unterkunft und könnten Zugang zum Bad gehabt haben, wo sich Baumanns Zahnpasta befand.

Bei "Mister X" handelt es sich um den 27-jährigen Christian Thörner, einen Läufer aus der zweite Reihe, der bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Erfurt Platz vier über 5000 m belegt hatte. Thörner wurde wie DLV-Masseur Jürgen Melzer inzwischen vom Tübinger Oberstaatsanwalt Hans Ellinger vernommen. Die Befragten seien nicht zwangsläufig verdächtig, erklärte Ellinger zur Vernehmung.

Thörner seinerseits weist den Verdacht von sich, die Zahnpasta Baumanns mit dem bei den Dopingkontrollen vom 19. Oktober und 12. November gefundenen anabolen Steroid Nandrolon versetzt zu haben. "Warum sollte ich? Ich habe noch nie einen berühmten Menschen getroffen, der so persönlich auf alle zugegangen ist", erklärt der Langstreckler aus Gräfelfing. Thörner glaubt nicht, dass der Olympiasieger von 1992 gedopt hat: "Ich kann es mir wegen seiner Persönlichkeit nicht vorstellen."

Der 27-Jährige schließt im Grunde aber auch eine Manipulation von seiten Frankes und Kallabis aus: "Auch das halte ich für unwahrscheinlich. Aber wenn mich einer fragt, was ich mir eher vorstellen kann, dann wäre es eine Manipulation durch die beiden."

Bereits bei einer Trainingskontrolle am 5. August war in Baumanns Urin erstmals eine ungewöhnliche Nandrolon-Konzentration (1,0 Nanogramm) festgestellt worden, die allerdings noch deutlich unter dem zulässigen Grenzwert lag (2,0). Bei den späteren Dopingtests war Baumann dann positiv. Weitere Untersuchungen im Kölner Kontroll-Labor von Professor Wilhelm Schänzer brachten die Verunreinigung der Zahnpasta zu Tage, woraufhin Baumann Anzeige gegen Unbekannt erstattete.

Zum Kreis der Verdächtigen zählen zwangsläufig Baumann selbst sowie die Familie, aus der bislang nur Ehefrau und Trainerin Isabell vernommen wurde. Eine Stellungnahme von Franke und Kallabis war nicht zu erhalten, beide sind im Trainingslager in Kenia. Der erst am Montag abgereiste Kallabis habe, so der Sportinformationsdienst, am Wochenende erklärt, noch nicht von der Staatsanwaltschaft befragt worden zu sein: "Ich kann denen nicht viel erzählen, ich habe in St. Moritz noch nicht mal mit Baumann trainiert."

Im Nebenraum des Bades lagen Franke und Kallabis Ende Juli indes regelmäßig auf der Massagebank. Das bestätigt DLV-Masseur Melzer: "In der fraglichen Woche waren Franke und Kallabis jeweils vier- bis fünfmal zur Therapie bei mir. Die meisten Athleten waren zu dem Zeitpunkt bereits zur WM nach Sevilla abgereist. Insgesamt habe ich höchstens fünf Sportler behandelt."

Bleiben neben Baumann, Franke und Kallabis also maximal zwei weitere. Allerdings, so Christian Thörner, sei die Tür zur Wohnung in unmittelbarer Nähe der Kunststoff-Bahn nie abgeschlossen gewesen. Sehr viele der zu dieser Zeit schätzungsweise 100 Athleten vor Ort hätten also Zutritt gehabt.

Thörner schildert das Zustandekommen der Zufalls-Wohngemeinschaft mit Baumann und Melzer wie folgt: "Nach meinem Studienabschluss reiste ich spontan nach St. Moritz und schlief eine Nacht in der Jugendherberge. Das erzählte ich am nächsten Tag beim Training, und obwohl wir uns bis dato nur flüchtig kannten, lud Dieter mich spontan ein, ich könne ja in seinem Zimmer mit übernachten." Dieter Baumann habe für seine Frau und die beiden Kleinkinder eine Extra-Wohnung angemietet und die zweite Wohnung zur Massage und zum ungestörten Schlafen genutzt.

Die deutsche Langstrecken-Szene ist seit Jahren in die Lager "Baumann" und "Franke" gespalten. In der Gruppe um den Tübinger wurde oft über angebliche Doping-Praktiken des zweimaligen 10 000-m-EM-Dritten Franke diskutiert. Im Herbst 1998 machten nach dem überraschenden EM-Titelgewinn des von Franke trainierten Kallabis neue Gerüchte Schlagzeilen: Dem Gespann wurde der Missbrauch des unerlaubten Blutdoping-Mittels Epo unterstellt. Die Einnahme des erst später verbotenen Blutverdünners Hes gaben Franke und Kallabis zu.

0 Kommentare

Neuester Kommentar