Sport : Der Zorn des Verschollenen

Wendell Alexis läuft seinem Geld in Griechenland hinterher – und ärgert sich über Alba

Benedikt Voigt

Wendell Alexis ist in Saloniki derzeit unauffindbar. Der seit Dezember 2002 bei Paok Saloniki unter Vertrag stehende US-Amerikaner ist seit Samstag in der nordgriechischen Metropole nicht mehr gesehen worden. Alexis wartet auf offene Gehaltszahlungen.

Meldung des Sportinformationsdienstes vom Montag, 13.54 Uhr.

Berlin. Am Sonntagnachmittag wäre es nicht schwer gewesen, den Verschollenen zu finden. Wendell Alexis saß in Saloniki in seinem Wohnzimmer auf der Couch und sah fern. Über Satellit empfängt er das Deutsche Sportfernsehen, weshalb der US-Amerikaner in Griechenland live miterleben konnte, wie seine ehemalige Basketball-Mannschaft Alba Berlin bei Rhein Energie Cologne verlor. „Die Kölner waren einfach besser“, sagt Alexis, „Alba machte zu viele Fehler.“ Es tat ihm gut, sich mit der eigenen Vergangenheit beschäftigen zu können. Und die Gegenwart für kurze Zeit zu vergessen.

Seit Januar hat Wendell Alexis von Paok Saloniki kein Gehalt bekommen. „Die Verantwortlichen sagen mir immer wieder, dass sie jetzt das Geld hätten“, erzählt der 38-Jährige, „aber sie lügen mich an.“ Verschwunden ist Alexis dennoch nicht, Montag trainierte er wie üblich mit dem Siebten der griechischen Liga, der wie derzeit alle Basketballklubs in Griechenland finanzielle Probleme hat. „Aber wenn ich nicht bis zum Samstag Geld bekommen habe, werde ich nicht spielen.“ Womöglich werde er dann zur Familie nach New York zurückfliegen. Es ist nicht allein das ausbleibende Geld, das Alexis schmerzt. Es ist der mangelnde Respekt, der sich in Lügen und Beschwichtigungen ausdrückt. „So etwas an diesem Punkt meiner Karriere zu erleben, ist enttäuschend“, sagt Alexis.

Wendell Alexis ist ein stolzer Spieler. Auf dem Spielfeld zeigt er das durch seine aristokratische Körperhaltung. Als er noch für Reggio Calabria spielte, nannten ihn die italienischen Fans „schwarzer Schwan“. Dieser Spitzname hat ihm besser gefallen als „Iceman“, wie ihn die Berliner Anhänger nannten. Der Respekt für seine Leistung ist ihm wichtig. Und er hat etwas geleistet. In Berlin holte er in sechs Jahren sechs Meistertitel und drei Pokalsiege. Weil die NBA-Spieler wegen des Lockouts in der nordamerikanischen Profiliga nicht antreten durften, spielte er 1998 bei der WM für die Nationalmannschaft der USA. Wenn in der Europaliga eine Mannschaft gegen Alba Berlin spielte, warnte der gegnerische Trainer als erstes vor Wendell Alexis. Und nun muss er erleben, wie ihn sein eigener Verein missachtet.

Aber die Enttäuschungen begannen bereits viel früher: Vor zehn Monaten, um genau zu sein. Als ihm Alba Berlin mitteilte, dass der Verein in der kommenden Saison nicht mehr mit ihm plane. „Mein Ende in Berlin war respektlos“, sagt Wendell Alexis. Er ist immer noch enttäuscht. „Aber ich behalte meine persönlichen Gefühle für mich.“ Er bekam zu spüren, dass Alba Berlin, das sich immer als große Familie darstellt, seine Kinder auch verstoßen kann. „We are family – dieses Lied passt nicht zur Realität bei Alba“, sagt Wendell Alexis. Immer noch wartet er auf eine offizielle Verabschiedung in der Max-Schmeling-Halle. Zu Saisonbeginn hat es einen Termin gegeben, doch er konnte damals nicht. „Dieser Termin ist auf Druck der Fans zustande gekommen“, erzählt Alexis. Seitdem hat er nichts mehr von den Verantwortlichen von Alba gehört. „Ich würde kommen, wenn es in meinen Zeitplan passt“, sagt Alexis, „vielleicht denkt Alba, dass ich verbittert bin – aber das stimmt nicht.“

Die letzte Zeit war schwer für ihn. „Es gibt ein Wort dafür: frustrierend“, sagt Alexis. Bis Dezember musste er warten, ehe er mit Paok Saloniki einen neuen Klub gefunden hatte. „Ich hätte gerne für Köln gespielt, aber ich habe kein Angebot bekommen“, sagt Alexis. Unter den Klubs sei es allgemeiner Konsens gewesen, dass er zu teuer sei. „Aber wer mich holt, bekommt auch etwas für sein Geld.“

Bei Alba Berlin gibt es in dieser Saison eine Zuschauerin, die glaubt, dass Wendell Alexis sein Geld wert ist. Mit einem gelben Schild sitzt sie auf der Haupttribüne und wenn es mal wieder nicht läuft, hält sie es hoch. „You should have kept Wendell“, ist darauf zu lesen. Ihr hättet Wendell Alexis behalten müssen. Der 38-Jährige muss lachen, als er das hört. „Ich bezahle die Frau auch gut dafür“, sagt er. Dann aber wird er nachdenklich und sucht nach den richtigen Worten. „Ich fühle mich geehrt.“ Es ist das höchste Lob, das man von Wendell Alexis bekommen kann.

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