Sport : Der Zweifel läuft mit

Dopingsünder Dwain Chambers startet bei der EM

Friedhard Teuffel

Göteborg - Es soll nicht nach Weglaufen aussehen, aber Dwain Chambers will jetzt nicht reden. Er streift die Träger seines Hemdes herunter und geht nach seinem Vorlauf mit entblößtem Oberkörper an allen vorbei, die ihm Fragen stellen wollen. Am heutigen Dienstag, nach dem Finale über 100 Meter, will der britische Sprinter etwas sagen, und das müsste er auch. Denn seine Leistung kann Dwain Chambers nicht mehr für sich sprechen lassen.

Chambers ist zum schnellen Laufen nach Göteborg gekommen und am besten noch, um Europameister zu werden. Doch was wäre das für ein Sieg? Käme er als Erster ins Ziel, vielleicht sogar noch in einer Zeit unter zehn Sekunden, hieße es: Das hat er nicht mit normalen Mitteln geschafft. Lässt Chambers anderen den Vortritt, wäre die Reaktion: Ohne Doping kann er es nicht. Diese EM ist schließlich seine erste große Meisterschaft nach einer zweijährigen Dopingsperre.

Der Kampf um Glaubwürdigkeit ist für ihn kaum zu gewinnen, zumal er auch zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt zurückkehrt. Der Respekt vor der Leistung war in der Leichtathletik wohl noch nie so gering und der Zweifel nie so groß. Einen beachtlichen Teil dazu hat Justin Gatlin kürzlich mit einer positiven Dopingprobe beigetragen, der Olympiasieger über 100 Meter aus den USA. Es gibt auch Überschneidungen zwischen Gatlins und Chambers Laufbahnen.

Weil er schneller rennen wollte, ging Chambers 2002 nach Amerika. Dort stellte ihm sein Trainer Remi Korchemny einen gewissen Herrn Victor Conte vor. Der werde sich um Chambers’ Ernährung kümmern, um Nahrungsergänzungsmittel und allerlei sonstige Präparate. So geriet Chambers in den Balco-Skandal, den größten Dopingskandal der Leichtathletik. Conte versorgte Chambers mit THG, einem Anabolikum, künstlich hergestellt in seinem Labor, damit es mit den bisherigen Methoden nicht nachweisbar ist.

Auch Justin Gatlins Trainer Trevor Graham arbeitete anfangs mit Conte zusammen, ehe er der amerikanischen Dopingagentur anonym eine Spritze mit THG zuschickte und dadurch den Skandal auffliegen ließ – wohl eher aus Missgunst, als um die Ethik des Sports zu schützen. Dadurch konnte auch Chambers als erstem Athleten die Manipulation mit THG nachgewiesen werden. Er verlor Preisgelder und Titel, zum Beispiel den EM-Sieg von 2002, weil seine Leistungen rückwirkend bis zum 1. Januar 2002 annulliert wurden.

Gestern zitterte sich Chambers im Halbfinale als Vierter seines Laufes in 10,39 Sekunden gerade noch ins Finale. Diese Leistung ist weit entfernt von den 9,87 Sekunden, die Chambers 2002 mit Unterstützung von THG erreicht hatte. Äußerlich fällt auf, dass Chambers einige Kilo Muskelmasse verloren hat. Auch ist die Begeisterung über seine Rückkehr in seinem Verband nicht hoch. Bis jetzt steht nicht fest, ob Chambers in der Staffel laufen wird. Wegen Chambers haben die Briten ihren Staffel-EM-Titel von 2002 verloren, und im vergangenen Jahr sind sie ohne ihn Weltmeister geworden. Für Olympia ist Chambers lebenslang gesperrt.

Trotzdem will er weiterlaufen. „Ich war naiv und wünschte, ich hätte damals mehr mit anderen Leuten geredet. Wenn ich gewusst hätte, dass ich die Regeln breche, hätte ich es nicht getan“, hat Chambers der BBC gesagt. Aber jetzt wolle er kämpfen, zumal er einen mehr ernähren müsse: Vor zehn Monaten wurde sein Sohn Skye geboren. Für ihn habe er ein Album mit Zeitungsartikeln über seine Geschichte angelegt, „Damit er einmal alles weiß und versteht. Ich möchte Kinder ermutigen, das Richtige zu tun.“ Vielleicht ist das ein rührender Sinneswandel. Vielleicht aber auch nur eine besonders kitschige Lüge.

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