Sport : Der zweite Mann

Jens Lehmann sucht in London eine neue Herausforderung – und trifft im Nationalteam auf die alte Hierarchie

Michael Rosentritt

Stuttgart. Jens Lehmann wirkt irgendwie befreit. In der Turnhalle der Sportschule Nellingen/Ruit in Ostfildern wollen die vielen Journalisten von dem früheren Dortmunder nur wissen, wie es in der großen Stadt London ist. Dorthin hat es den 33-Jährigen vor wenigen Wochen verschlagen. Am Samstag bestritt der Torhüter beim 2:1-Sieg gegen den FC Everton sein erstes Premier-League-Spiel für Arsenal. Am Tag darauf ist er für das Länderspiel am Mittwoch in Stuttgart (20.45 Uhr, live im ZDF) in den Kreis der deutschen Nationalmannschaft zurückgekehrt. Auch dort will er sich aus der Enge befreien. Jens Lehmann ist hinter Oliver Kahn nur die deutsche Nummer zwei. Also Ersatz, oder Reserve – vermutlich sogar austauschbar. „Warum spiele ich eigentlich nicht, sondern Oliver Kahn? Die Frage hat mir noch niemand beantwortet“, sagt Lehmann.

In London hat der FC Arsenal rund 3,5 Millionen Euro investiert, um Lehmann von Borussia Dortmund loszueisen. Für viele war er in der vorigen Saison der beste Torhüter der Bundesliga. Nur gibt es da noch einen Oliver Kahn, und an dessen Stellung mag Teamchef Rudi Völler nicht rütteln. „Ich freue mich für den Jens“, sagt Völler. „Es ist ein toller Schritt in seiner Karriere. Hin und wieder wird er hier auch seine Einsätze bekommen“, sagt Völler. So geht das schon seit Lehmanns Debüt in der deutschen Elf im Februar 1998. Immer war irgendeiner besser oder hatte einer ältere Rechte. Oder einer kam in der Öffentlichkeit besser an. Lehmann war lange Zeit auf wenig schmeichelhafte Etiketten festgelegt: mal überheblich und provozierend, mal ausrastend und anmaßend. Diese öffentliche Darstellung gipfelte in der Bemerkung des Liga-Präsidenten Werner Hackmann, Lehmann sei ein „arroganter Schnösel“. Lehmann hat sich damals nicht dazu geäußert. Heute sagt er, „dass diese Kritik mich tief getroffen hat“. Er hat an seinem Image gearbeitet, so sehr, dass ihm sein ehemaliger Dortmunder Trainer Matthias Sammer „eine immer höhere Akzeptanz bei Fans und Mitspielern“ attestierte.

Lehmann zählt zu den Schlaueren in seinem Gewerbe. Er pflegt ein distanziertes Verhältnis zu Mitspielern und Medien. „Wahrscheinlich werde ich in der Nationalelf nur dann die Nummer eins, wenn der Olli eine Affäre mit der Frau von Rudi Völler anfängt.“ Das sagte Lehmann zu einem Zeitpunkt, als der Münchner Torwart noch eine glückliche Ehe führte. Heute hört sich das etwas anders an. „Ich habe über Jahre konstant gehalten. Irgendwann wird der Fußballgott ein Einsehen haben und mich dafür belohnen.“ Am Mittwoch wird das noch nicht der Fall sei. „Ich bin zu lange dabei, um an Überraschungen zu glauben“, sagt Lehmann und lässt doch keinen Zweifel daran, dass seine Zeit kommen werde. Der Job bei Arsenal soll ihm dabei helfen, soll ihn sozusagen abhärten. „Als Torwart in England wirst du in jeder Aktion attackiert, das ist von Vorteil“, sagt Lehmann. „Außerdem habe ich dort einen großartigen Trainer und Mitspieler, die Welt- und Europameister waren. Die sportliche Qualität ist viel höher als in Dortmund.“

Lehmann sagt all diese Sätze mit einer merkwürdigen Melodie in seiner Stimme. Sie klingt wie eine Mixtur aus Zweifel und Kampf. Schon einmal hatte er den Schritt ins Ausland gewagt, um weiterzukommen, als Torwart und als Mensch. Das war 1998, als er von Schalke zum AC Mailand ging. Ein halbes Jahr später war er wieder in der Bundesliga, diesmal in Dortmund. Lehmann konnte sich in Italien nicht durchsetzen und fühlte sich dort unverstanden und ungerecht behandelt.

In London soll alles anders werden. Ein zweites Mailand werde er nicht erleben, sagt Lehmann, „diesmal habe ich meine Familie mitgenommen, es wird also keine privaten Probleme geben“. Für seine Frau sei alles aufregend, sein ältester Sohn werde in London zur Schule gehen, „da verabschiedet man sich doch nicht so schnell“. Zurzeit wohnt die Familie Lehmann noch in einem Hotel am nördlichen Stadtrand. Dort gibt es kein deutsches Fernsehen und keine deutschen Zeitungen. Erst am Sonntag, als die Nationalspieler sich in Ostfildern trafen, habe er etwas von der Bundesliga gesehen. Es war der dritte Spieltag, der erste, an dem Oliver Kahn kein Gegentor kassierte. Dass sein Rivale an den ersten beiden Spieltagen von den vier Schüssen, die er aufs Tor bekam, keinen halten konnte, hat Lehmann sich erzählen lassen. Kommentieren mag er das nicht, auch nicht die guten Kritiken, die er nach seinen ersten Spielen in Pokal und Meisterschaft für Arsenal bekam. „Als Fußballprofi muss man vieles akzeptieren“, sagt Lehmann. „Das bin ich ja aus Deutschland gewohnt.“

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