Derby : Energie schlägt Konzept

Im Londoner Derby gewinnt Chelsea gegen Arsenal mit 2:1 und verschafft Trainer Grant ein wenig Luft.

Raphael Honigstein[London]
Ballack
Ballack kann sich freuen, sein Verein FC Chelsea gewinnt beim Lokalderby gegen Arsenal.Foto: dpa

Der Schnee vom frühen Morgen war bei Anpfiff zwar geschmolzen. Dafür war der Rasen an der Stamford Bridge von Gift und Galle geflutet. Beim 2:1-Sieg des FC Chelsea im Londoner Derby gegen Arsenal am Sonntag wurde Arsenal-Trainer Arsène Wenger von den gegnerischen Fans mal wieder als „Kinderschänder“ beschimpft. Den früher bei den Blauen beschäftigten Gunners-Kapitän William Gallas geißelten sie als Verräter, auf der anderen Seite musste sich der im Sommer 2006 von Nord- nach Westlondon gewechselte Außenverteidiger Ashley Cole von den mitgereisten Arsenal-Anhängern als „rent boy“ (Stricher) beschimpfen lassen.

Selbst die eigenen Leute waren vor den Anfeindungen nicht sicher. Als Michael Ballack in der 70. Minute beim Stand von 0:1 für den Rechtsverteidiger Julio Belletti ausgewechselt wurde, begleiteten laute Buhrufe seinen Weg in die Kabine. Der Deutsche schüttelte verständnislos den Kopf; in Chelseas Mittelfeld war er einer der Besseren gewesen. Drei Mal war er gefährlich vor dem Tor von Manuel Almunia aufgetaucht, Frank Lampard hätte sich eher für eine Auswechslung angeboten. Allerdings teilten die 42.000 Zuschauer Ballacks Meinung: Ihr Unmut galt gar nicht dem Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, sondern seinem Trainer Avram Grant.

Vor dem Spiel hatte der 52-Jährige der „Sunday Times“ entnehmen dürfen, dass ihn seine Spieler heimlich „Average Grant“ (Durchschnitts-Grant) nennen, und dass nach dem übel vercoachten 4:4 gegen Tottenham in der vergangenen Woche mal wieder eine kleinere Kabinen-Revolte gegen ihn ausgebrochen war. Sein ohnehin geringer Kredit bei Medien und Fans schien gänzlich aufgebraucht. Als der Israeli Ballack und Claude Makelele vom Feld nahm, dafür Michael Essien zurück ins Mittelfeld und Nicolas Anelka als zweiten Stürmer nach vorne beorderte, hielt sich das entnervte Publikum nicht lange mit der taktischen Analyse auf: „You don’t know what you’re doing“ (du weißt nicht, was du tust) schallte es hinter Grant höhnisch vor den Rängen. Zudem riefen die Chelsea-Fans nach Vorgänger José Mourinho.

Doch die Sehnsucht nach dem Alten wich bald der Freude über eine überraschende Wende. Die bis dahin souverän verteidigenden Gäste gerieten durch die Verletzung des Rechtsverteidigers (und 0:1-Torschützen) Bacary Sagna plötzlich in grobe Unordnung und ließen sich von antiquierten kick-and-rush-Schlägen in den Strafraum völlig übertölpeln. Binnen neun Minuten nutzte Didier Drogba zweimal Arsenals „fehlende Autorität in der Defensive“, wie es Wenger später formulierte; der Ivorer drehte mit seinen Toren (73. und 82. Minute) das Match.

Der Spielverlauf war ein Abbild der ganzen Premier-League-Saison des FC Arsenal: Nach einer souveränen Führung brach gegen Ende alles zusammen. Fünf Punkte Vorsprung haben sich in wenigen Wochen in sechs Punkte Rückstand auf Tabellenführer Manchester United verwandelt. Der umjubelte Erfolg über den AC Milan in der Champions League ging mit einer Negativserie in der Liga einher, insgesamt gewann man von den vergangenen acht Spielen nur ein einziges. „Wir brauchen im Moment nicht an die Meisterschaft zu denken“, sagte Wenger. Schlichtweg überspielt wirkt seine junge Truppe, der nach einigen Verletzungen zudem die Alternativen zur Startelf fehlen. Arsenal hat derzeit nicht die Kraft, um Wengers Konzept zu verwirklichen.

Bei Chelsea war das Gegenteil der Fall. Drogbas geballte Energie machte einen guten Plan überflüssig. „Nur lange Bälle“, urteilte der Fußballästhet Wenger säuerlich über den Gegner. Grant wollte nach dem Sieg sein Glück nicht überstrapazieren und blieb demonstrativ bescheiden. „Nicht alle Auswechslungen funktionieren“, sagt er. Das tausendfache Misstrauensvotum der Fans wollte er nicht gehört haben. Als ihn jemand fragte, ob dies ein wichtiger Erfolg für Chelsea und ihn persönlich gewesen sei, kehrte aber fast noch ein wenig österliche Friedfertigkeit in den Presseraum ein. „Heute bin ich mit Ihnen einer Meinung“, sagte Grant mit einem Lächeln.

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