Derbystimmung : Mainz - Frankfurt: Idee schlägt Etat

Aufsteiger FSV Mainz 05 ist da, wo der etablierte regionale Rivale Eintracht Frankfurt gern sein möchte. Heute spielen beide gegeneinander.

Frank Hellmann[Frankfurt am Main]

Man kennt das. Wenn einer verbale Kränze flechten kann, dann Michael Skibbe. Der frühere Bundestrainer ist zumindest in rhetorischer Hinsicht eine Klasse für sich, und so verwundert es nicht, dass der Trainer der Frankfurter Eintracht vor dem Rhein-Main-Derby gegen den FSV Mainz 05 (Samstag um 18.30 Uhr/live bei Sky) wahre Elogen auf den Rivalen verfasst hat. Der Neuling mit dem Novizen Thomas Tuchel als Trainer sei eine Belebung und Bereicherung für die Liga, lobte Skibbe, Mainz habe seine Nische gefunden und fülle diese gut aus. Besser als der Traditionsverein vom Main. Platz sieben, 23 Punkte – die Mainzer stehen dort, wo Eintracht Frankfurt insgeheim gehofft hatte, sich zumindest einmal kurzfristig behaupten zu können. Und der 36 Jahre alte Tuchel ist nicht gewillt, das gewonnene Terrain so schnell abzugeben: „Wenn man in Frankfurt meint, die Nummer eins im Rhein-Main-Gebiet zu sein, ist das deren eigene Einschätzung. Wir geben die Antwort auf dem Platz.“ Markige Mainzer Worte, die in Frankfurt aber nicht auf Widerhall stoßen.

Was wiederum an Heribert Bruchhagen und Christian Heidel liegt, die langjährigen Entscheidungsträger und entscheidenden Weichensteller in Frankfurt und Mainz. Wer beim wertkonservativen Ostwestfalen Bruchhagen, einem ausgebildeten Gymnasiallehrer, und dem redseligen früheren Autohändler Heidel zwei sich reibende Pole vermutet, der irrt. Auf vielen Themenfeldern bewegen sich die Strippenzieher wie Brüder im Geiste. Der stete Blick für das Machbare und die ablehnende Haltung zu riskanten Finanzkonstrukten wie auf Schalke, in Dortmund oder Berlin eint beide. Die Ausgangsbasis ist allerdings eine andere: Eintracht Frankfurt kann mit einem Gesamtetat von 65 Millionen Euro hantieren und 26 Millionen fürs kickende Personal ausgeben, „wenn Eintracht Frankfurt einen Spieler haben will und Mainz ihn halten will, dann bekommen wir ihn“, sagt Bruchhagen. Doch der Fall Michael Thurk, der nur in Mainz und jetzt gerade wieder in Augsburg auftrumpft und in Frankfurt abtauchte, ist das beste Beispiel, warum die Tabellenbilder eben doch nicht so vorhersehbar sind, wie Bruchhagen immer glaubhaft machen will.

Der FSV Mainz, dessen Personalkosten gerade mal 15 Millionen Euro betragen, ist zumindest in diesem Jahr bei den Personalentscheidungen ein Stück weit ideenreicher, innovativer und mutiger gewesen. Die Beförderung Tuchels „war kein Amoklauf, sondern die überlegteste Entscheidung, die der Verein jemals getroffen hat“, sagt Heidel, und sie hat sich genauso die Transfers von Taktgeber Andreas Ivanschitz oder Torwart Heinz Müller als Glücksgriff erwiesen – allesamt Billiglösungen. „Ich habe dem Ivanschitz gesagt: Jetzt kommst du mal hier her, wo du unten malochen musst“, erzählt Manager Heidel. „Wenn du das lernst, gehst du irgendwann wieder zu einem großen Klub.“

Es ist ein Prinzip, das funktioniert. Doch Heidel ist sich der Grenzen des selbst ernannten Karnevalsvereins („Vorher waren wir die grauste aller grauen Mäuse in der zweiten Liga“) sehr wohl bewusst: Selbst das 2011 bezugsfertige neue Stadion mit 33 500 Plätzen wird nur ein Budget von maximal 40 Millionen Euro erlauben, „damit können wir immerhin garantieren, zu den besten 24 deutschen Fußballvereinen zu gehören“, beteuert Heidel. Er sagt 24 Vereine und schließt einen eventuellen Abstieg damit ausdrücklich ein. Der Mainzer Macher sagt: „Wir werden die Eintracht wirtschaftlich nie einholen können. Frankfurt ist eine andere Welt – allein im Stadtteil Niederrad gibt es mehr Firmen als in ganz Mainz zusammen. Wachablösung ist ja Quatsch.“ Aber zumindest für diesen Winter erlaubt.

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