Sport : Des Sommermärchens letzter Akt

Zum Auftakt der EM-Qualifikation müht sich die deutsche Nationalelf vor euphorischen Zuschauern zu einem 1:0 gegen Irland

Michael Rosentritt[Stuttgart]

Es war, als hätte die Weltmeisterschaft nie aufgehört. In ihrem ersten Pflichtspiel seit dem Turnier im eigenen Land wurde die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit enthusiastischem Jubel in Stuttgart begrüßt – in jener Stadt, in der das Sommermärchen WM im Spiel um Platz 3 vor acht Wochen mit einem 3:1 gegen Portugal ein glückliches Ende gefunden hatte. Auch die zelebrierte Verlängerung des Ereignisses – gleichzeitig der Beginn der Europameisterschafts-Qualifikation – geriet zumindest ergebnistechnisch erfolgreich: Die deutsche Elf schlug Irland am Sonnabend 1:0 (0:0), hatte dabei aber große Mühe.

Rechtzeitig zum pflichtgemäß anberaumten Ausklang des WM-Sommers hatte sich Kapitän Michael Ballack nach auskurierter Hüftverletzung einsatzbereit gemeldet. In der Innenverteidigung ersetzte das Friedrich-Duo Arne (Hertha BSC) und Manuel (Mainz 05) das verletzte WM-Paar Christoph Metzelder und Per Mertesacker. Arne Friedrichs angestammte Position auf der rechten Außenbahn in der Verteidigung besetzte der neue Bundestrainer Joachim Löw mit Philipp Lahm; der Gladbacher Marcell Jansen verteidigte dafür links.

Der WM-Dritte kam jedoch zunächst überhaupt nicht mit dem aggressiven Stil der Iren zurecht. Unter dem Druck des Gegners hatten die Deutschen große Probleme, den Ball in Richtung des Sturmduos Miroslav Klose und Lukas Podolski zu transportieren. Stattdessen mussten die 53 198 Zuschauer viele Rückpässe auf Torwart Jens Lehmann ertragen.

Erst in der 25. Minute gab Kapitän Ballack den ersten wirklichen Torschuss für die deutsche Elf ab. Es war wohl so etwas wie das Startsignal für sein Team, denn danach hagelten die Bälle im Minutentakt auf Shay Givens Tor ein: Zunächst konnte der irische Torhüter Kloses Kopfball soeben auf der Linie abwehren, nur wenig später riss Given bei einem Schuss Podolskis rechtzeitig die Arme hoch, dann köpfte Ballack knapp am Tor vorbei, wieder nur einige Momente darauf strich Podolskis Flachschuss Zentimeter am Pfosten vorbei. Es blieb aber ein kurzes, zudem erfolgloses Unwetter in Richtung des irischen Tores; lediglich für zehn Minuten bekam die Mannschaft das Spiel und den Gegner unter Kontrolle. So musste Joachim Löw die Erkenntnis mit in die Kabine nehmen, dass sein Team einen solchen Gegner wohl nur dann wirklich beherrschen kann, wenn sie in WM-Form geschliffen wurde. Die Abwehr erwies sich zwar als solide, sie ließ wenige Chancen zu, doch das Mittelfeld erreichte keine Dominanz und präsentierte sich wenig laufbereit und ungenau in den Zuspielen.

Nach Löws vermutlich recht explizitem Halbzeitresümee kam der dreimalige Weltmeister immerhin ein wenig engagierter zurück aufs Feld des Gottlieb-Daimler-Stadions. Kurz nach Wiederanpfiff setzte Podolski einen Kopfball auf das Tor, dann scheiterte Klose nach schönem Direktzuspiel von Bernd Schneider aus kurzer Distanz erneut an Shay Given. Die Entstehungsgeschichte des Führungstreffers in der 57. Minute hatte symbolischen Charakter: Nach einem Foul an Klose knallte Podolski mit mehr Wucht als Raffinesse einen Freistoß Richtung Given, den Robbie Keane unhaltbar ins Tor abfälschte. Auch nach diesem gleichermaßen verdienten wie glücklichen Treffer fand die deutsche Mannschaft nur selten ihre Sicherheit und spielte sich nur wenige Chancen heraus. In der 70. Minute scheiterte zunächst Schneider zweimal an irischen Verteidigern, die sich in seine Schüsse geworfen hatte, und dann traf der WM-Torschützenkönig Klose mit einem Kopfball an der Latte, kurz vor Schluss traf Schweinsteiger mit einem Freistoß den Pfosten. Selbst die Verbannung des chronisch aufgeregten irischen Trainers Steve Staunton auf die Tribüne erwies sich nicht als Vorteil.

Es war ein verdienter Sieg, aber auch ein unter großen Mühen erkämpft, der immerhin eine gesicherte Erkenntnis zulässt: Die WM im eigenen Land ist endgültig vorbei. Angefangen beim Auftritt am Mittwoch in San Marino muss die deutsche Elf nun vier Qualifikationsspiele in Folge auswärts bestreiten.

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