Sport : Des Widerspenstigen Zähmung

Vor dem Länderspiel gegen Brasilien zeigt sich Nationaltorwart Oliver Kahn ungewohnt zurückhaltend

Mathias Klappenbach

Berlin - Am Anfang ist alles wie immer. Oliver Kahn hat grußlos seinen Platz auf dem Podium bei der Pressekonferenz des Deutschen Fußball-Bundes eingenommen, schaut grimmig, rutscht ein bisschen auf seinem Stuhl hin und her und starrt ins Leere. Es dauert noch drei Minuten, bis er dran ist. Joachim Löw, der neue Assistenz-Trainer der Nationalmannschaft, erklärt gerade, wie das deutsche Team in Zukunft auftreten soll.

Kahn ist nur körperlich anwesend, er findet noch nicht einmal den Blick von irgendeinem der vielen ihm bekannten Gesichter. Er strahlt unterschwellige Aggressivität aus. So wie sonst auch. Dann wird der Torhüter zum ersten Spiel gegen Brasilien seit dem verlorenen WM-Finale 2002 befragt. „Ich gehe neutral in die Partie, es ist ein normales Testspiel. Das mit der Revanche ist absurd“, sagt Kahn, der bei der WM 2002 mit seinen überragenden Leistungen die deutsche Mannschaft ins Endspiel gebracht hatte. Titan nannten ihn die Boulevardzeitungen damals, doch dann ließ er einen Schuss von Rivaldo fallen und ermöglichte so Ronaldo den ersten seiner beiden Treffer zum Sieg für Brasilien.

Eine Revanche dafür, sagt Oliver Kahn, sei sowieso nur im WM-Finale 2006 möglich. Sein großes Ziel, das ist Kahn, wie man ihn kennt. Dann sagt er: „Wir haben im September auch viele Spiele mit dem FC Bayern. Die haben für mich genauso eine persönliche Bedeutung wie das gegen Brasilien.“ Kahn sagt das zurückhaltend. Wenn es in dem Spiel am Mittwoch für ihn etwas zu verarbeiten gibt, behält er das für sich. Die selbstbewussten Halbsätze, die er sonst an fast jede Aussage hängt, fehlen jetzt. Auch der übliche Satz, dass sich der 35-Jährige als die klare Nummer eins im deutschen Tor sieht, fällt nicht. Im Gegenteil: „Ich muss mein Niveau über zwei Jahre bestätigen. Wenn mir das nicht gelingt, kann ich auch keine Ansprüche stellen.“

Keine Spur von Kritik an Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der eine Rotation auf der Torwartposition eingeführt hat. Kahn kann gegen Brasilien 90 Minuten spielen, weil Klinsmann im Länderspiel in Österreich in der zweiten Hälfte Jens Lehmann (FC Arsenal) eingewechselt hat. Kahn wird gefragt, ob es ihn verletzt habe, dass er in Wien nur eine Halbzeit gespielt hat. „Wie meinen sie das, psychisch verletzt?“ Kahn lacht jetzt einmal kurz und schüttelt den Kopf, eine weitere Antwort ist nicht nötig.

Wer in welchem der nächsten Länderspiele im Tor stehen wird, sei noch nicht abgesprochen. „Wir werden einen vernünftigen Weg finden. Der Jens muss in England sogar mehr Spiele als ich bestreiten.“ Verständnis für seinen Konkurrenten? Kahn scheint schon einen Weg gefunden zu haben, mit seiner neuen Situation ohne Stammplatzgarantie und die an Michael Ballack abgegebene Kapitänsbinde umzugehen. „Es geht hier nicht um Eitelkeiten oder Besitzstandswahrung. Es geht um den Erfolg, und von mir wird weiterhin erwartet, dass ich Verantwortung übernehme.“

Diese Verantwortung besteht offensichtlich ab jetzt darin, sich selbst zurückzunehmen. Der Fehler gegen Brasilien mag für Kahn „weit, weit weg“ sein. Aber nach seinen Patzern in der vergangenen Saison, durch die er das Ausscheiden des FC Bayern in der Champions League und im DFB-Pokal mitverschuldete, muss Kahn in diesem Jahr wieder neu beweisen, dass er seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird. Für den Moment scheint Kahn milde mit sich und seinem Umfeld geworden zu sein. Dann guckt er auf seine Armbanduhr und geht.

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