Deutsch-polnisches Spiel : "Einfach mit Satire entgegenwirken"

Der "Club der polnischen Versager" hat sich längst zu einer zur inoffiziellen Botschaft Polens in Berlin entwickelt. Beim deutsch-polnischen EM-Duell setzten die Betreiber auf ein Kommentatoren-Duo, das sympathisch am Spiel vorbei kommentierte.

Till Erdtracht[ddp]
Polnische Versager
Adam Guskowski (r.) und "Exil-Österreicher" Christoph Theußl kommentieren das Spiel im "Club der polnischen Versager". -Foto: ddp

BerlinNachdenklich steht Adam Gusowski in der Halbzeitpause vor dem Domizil des "Club der polnischen Versager", zündet sich eine Zigarette an, raucht hastig ein paar Züge. Schrecklich chauvinistisch und nationalistisch sei der Fußball geworden, klagt der hagere Künstler. "Da müssen wir einfach mit Satire entgegenwirken", fügt der gebürtige Pole Gusowski hinzu, bevor er wieder in seinen Club eilt und sich das Mikrofon schnappt.

Mehr als 50 Gäste haben sich an diesem Sonntag zum Europameisterschaftsspiel Polen gegen Deutschland in das Kleinod am Rosenthaler Platz in Mitte gedrängt und erleben ein Kontrastprogramm zur standardisierten Fußballübertragung. Das Besondere ist hier nicht das Geschehen auf dem Platz, sondern die eigene Spielkommentierung. Vor dem Anpfiff wird hier der Ton so leise gedreht, bis nur noch Stadiongeräusche zu hören sind. Statt der Stimmen von Béla Réthy oder Johannes B. Kerner erklingen dann Sprüche von Gusowski. Unterstützung bekommt er vom "Exil-Österreicher" Christoph Theußl, der vom Versagerclub als "Gastgeber zu Gast bei Gastarbeitern" vorgestellt wird.

"Verbissenheit" der Deutschen

Schnell wird klar, dass die Besprecher leidenschaftlich am Spielablauf vorbei kommentieren. Der Anpfiff wird geflissentlich übergangen, stattdessen philosophiert das Gespann über die generelle "Verbissenheit" der Deutschen - auch, als das 1:0 durch Lukas Podolski fällt. Dessen offenbar zwiespältige Gefühle beim Tor werden ebenso ausgeschlachtet wie die neue Frisur von Bastian "Billy Idol" Schweinsteiger. Konsequent inkorrekt werden politische Themen mit dem Spiel vermengt, von der polnischen Homophobie bis zu alten Grenzstreitigkeiten.

Co-Kommentator Theußl läuft schon vorher beim Spiel Österreich gegen Kroatien zu Hochform auf, als er unter Anspielung auf die einstige K.u.k.-Monarchie bedauert, "die einstige Großmacht so aufgesplittet zu sehen". Das 0:1 seines Heimatlandes sei letztlich wie ein Sieg gewesen, "so niedrig haben wir lange nicht verloren", stellt Theußl trocken fest. Jedes Spiel bei der EM will er nun mit Gusowski moderieren. Besonders freuen sich beide auf die Partie Polen-Österreich. Spielentscheidend zwischen den katholischen Ländern werde sein, wer seine Schuldgefühle besser in den Griff bekomme, lautet ihre Prognose.

"Besser als das übliche Geschwätz"

Das Publikum ist - ob nun Fußballmuffel oder Fans - sind von dem anderen Blick auf den Fußball begeistert: "Weit besser als das übliche Geschwätz", sagt ein Anhänger des deutschen Teams, der auch die gemütliche Atmosphäre in dem schummrigen Salon zu schätzen weiß. Da sich der Versagerclub längst zu einer zur inoffiziellen Botschaft Polens in Berlin entwickelt hat, sind die Fans des Nachbarlandes in der Mehrzahl. Mit Trikots und Fahnen ausgerüstet, fiebern sie mit und überbrüllen die eher gleichgültigen Kommentatoren bei vergebenen Chancen. Nach dem Schlusspfiff sind einige allerdings sichtbar niedergeschlagen.

Das 0:2 der Polen war hingegen ganz im Sinne von Adam Gusowski. Schließlich gehört er einer seltsamen Vereinigung an, die Gefallen am Versagen findet. Eine Klausel im Statut des sympathischen Kulturvereins stellt sicher, dass niemand aus dem Kreis der Mitglieder groß rauskommt. Erlaubt sind pro Jahr höchstens 50 Seiten Prosa, fünf Ölgemälde oder 20 Minuten Musik. Wer Erfolg haben will, ist hier jedenfalls fehl am Platz. Beim Fußball hätte Gusowski trotzdem gerne eine Ausnahme gemacht: "Ein Sieg wäre für das Selbstwertgefühl der Polen schon nicht schlecht gewesen."

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