Deutsche Domäne : Das Rodeldiplom

Wenn die deutschen Frauen durch den Eiskanal jagen, erklingt am Ende fast immer die Nationalhymne. Was macht unsere Rodlerinnen so schnell?

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Vorsprung durch Technik. Schlitten, an denen Georg Hackl mitgetüftelt hat, teuer wie Mittelklassewagen, sollen Deutschlands...Foto: imago

Sie bleibt stehen und betrachtet den Eiskanal, als sehe sie ihn zum ersten Mal. Sie sucht einen festen Stand im Schnee, fährt mit der Hand über das Eis, ertastet dessen Temperatur und Qualität, sie beugt sich tief hinein in die Rinne und blickt zur Kurve 13 hinunter. Sie beginnt, die Bahn auswendig zu lernen. Man muss sich auf die Bahn einstellen und die Passagen im Kopf noch einmal durchgehen.

Es ist nicht so, das Tatjana Hüfner, 26, die 1354 Meter lange Rodelbahn von Oberhof in Thüringen nicht kennen würde. Es ist ihre Heimstrecke, über tausend Mal schoss sie hier schon rücklings hinunter. Trotzdem schaut sie Ende Januar vor ihrem Start beim Rodel-Weltcup noch mal genau. „Ob sich am Eis etwas geändert hat“, will sie wissen. Denn später, wenn die Rodler hier mit bis zu 120 Stundenkilometern durchrasen, heben sie idealerweise nicht mehr den Kopf. Wegen der Aerodynamik. „Man bekommt das Feedback vom Hintern, ob der Schlitten zur Seite rutscht oder geradeaus gleitet“, sagt Tatjana Hüfner. Oder von den Ohren. „Ein kratzendes Geräusch ist schlecht“, sagt sie, „es muss möglichst leise sein.“

Meistens, wenn deutsche Frauen rodeln, ist es leise. Seit dem 29. November 1997 ertönt nach jedem Weltcuprennen der Frauen die deutsche Nationalhymne. 98 deutsche Weltcupsiege in Folge stehen seitdem in den Rodelannalen. Bei den Weltmeisterschaften räumen die Deutschen ab, wie sie auch olympisch immer vorne mitrodeln: 65 Medaillen holten sie bisher in der Disziplin.

Ab geht's: Tempo 153 und bloß nicht nach vorne sehen

Und so sind die Erwartungen auch für die heute beginnenden Olympischen Winterspiele in Vancouver hoch. Ein deutscher Wettanbieter zahlt für einen Euro Einsatz 51 Euro zurück – falls Deutschlands Rodler keine Goldmedaille gewinnen. Es wäre also eine Sensation, wenn das nicht klappen sollte. Die Frage beim Damen-Rodeln lautet eher, welche der drei Favoritinnen gewinnen wird: Tatjana Hüfner, Natalie Geisenberger oder Anke Wischnewski. Vielleicht teilen die drei auch alle Medaillen untereinander auf. Wenn sie wie zuletzt 2002 in Salt Lake City und 2006 in Turin Gold, Silber und Bronze gewinnen.

Den Rodlerinnen selbst darf man so etwas allerdings nicht sagen, die sind vorsichtig und verweisen auf den Heimvorteil der Kanadierinnen und US-Amerikanerinnen auf der schnellen Bahn von Whistler, dem olympischen Viertel von Vancouver. „Das ist kein Selbstläufer“, sagen sie, egal, wen man fragt. Und führen an, dass bei den letzten Weltmeisterschaften im Februar 2009 in Lake Placid nämlich mal nicht sie gewonnen haben, sondern die Amerikanerin Erin Hamlin.

Andere sind siegesgewisser. „Natürlich ist Rodeln eine deutsche Domäne, aber dafür brauchen wir uns nicht zu entschuldigen“, sagt Michael Vesper, Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

Deutschland hat eine einzigartige Infrastruktur. Weltweit gibt es 16 Kunsteiskanäle – vier davon in Deutschland. „Wir haben eine breitere Grundlage als andere Länder, wo sich alles auf einen Standort konzentriert“, sagt Deutschlands Oberrodler Andreas Trautvetter, ehemaliger Minister in Thüringen und seit 2004 Präsident des internationalen Bob- und Schlittenverbandes. Nach dem Mauerfall standen dem gesamtdeutschen Verband plötzlich in Königsee, Winterberg, Altenberg und Oberhof vier unterschiedliche Bahnen zur Verfügung. Wer sich gegen die Rodlerinnen aus den anderen Stützpunkten durchsetzt, gehört bereits zur Weltspitze. Wie Tatjana Hüfner. „Das Erfolgsgeheimnis ist eine Mischung aus allem“, erklärt sie, „Athleten, Trainer, Mechaniker und Techniker.“

Bruno Banani aus Tonga wollte auch starten - aber er stürzte

Manfred Kahl ist einer dieser Techniker. Der 66 Jahre alte Ingenieur arbeitet seit 29 Jahren als Spezialist für den Rodelbau bei der Forschungsstelle für die Entwicklung von Sportgeräten (FES), Außenstelle Oberhof. Der gesamtdeutsche Sport hat das FES von der DDR übernommen, es ist mitverantwortlich für den deutschen Technikvorsprung im Wintersport. Ob im Rodeln, Bobfahren oder Eisschnelllaufen. Die Rodlerinnen werden in Vancouver neue High-Tech-Schlitten an den Start schieben, die vor drei Jahren vom Rodelstar Georg Hackl und dem FES entwickelt worden sind. Fertigungsverfahren, Verkleidung, Laufschienen und Kufen sind neu, so viel darf Manfred Kahl verraten. „Aber ins Detail kann ich nicht gehen.“ Rodeln ist auch ein Wettbewerb der Techniker. So ein neu entwickelter Schlitten habe den Wert eines Mittelklassewagens, sagt Kahl. Aufgrund der jahrzehntelangen Arbeit besitzt das FES auch die Erfahrungswerte, welche Kufe bei welchen Bedingungen wo am schnellsten gefahren ist. Fängt es plötzlich auf der Bahn in Whistler zu schneien an, genügt ein Blick in die Datenbank, um die richtige Kufe zu wählen.

Manches ist freilich auch psychologische Kriegsführung. Hackl packte seinen Schlitten immer in einen schwarzen Sack, damit die Konkurrenz seinen Untersatz erst kurz vor dem Start zu sehen bekam. Seit seinem Rücktritt 2006 hilft der eigenwillige Oberbayer dem deutschen Rodelverband als Trainer und Entwickler. „Er ist ein Tüftler mit einer gigantischen Erfahrung“, lobt FES-Mann Kahl. Das Wichtigste aber sei, den Schlitten an Körper und Fahrweise des Athleten anzupassen. „Das ist das A und O“, sagt Kahl. Als einmal die beiden besten deutschen Rodlerinnen aus Neugier ihre Schlitten tauschten, fuhr Natalie Geisenberger eine Sekunde langsamer durchs Ziel. Und Tatjana Hüfner stürzte sogar mit dem ungewohnten Schlitten.

Alles, was es weltweit über das Rodeln zu wissen gibt, stammt aus Deutschland. Der internationale Bob- und Schlittenverband hat seinen Sitz in Berchtesgaden. Präsident ist ein Deutscher. Österreich, Kanada, die USA setzen auf deutsche Trainer – sogar Tonga. Auf Isabell Barschinski.

Die ehemalige Rodlerin steht im Zielraum von Oberhof in einem weinroten Trainingsanzug, auf dem in weißen Buchstaben „Tonga“ steht. Im Sommer hatte sie einen Anruf aus Tonga erhalten, ob sie nicht die Rodel-Nationalmannschaft des Inselstaates übernehmen wolle. Das Problem war nur, dass es gar keine Rodel-Nationalmannschaft gab. „Ich bin dann nach Tonga gefahren und habe einen Sommerschlitten mit Rädern mitgenommen“, erzählt die Oberwiesenthalerin. Zum Casting suchte sie den einzigen Hügel der Insel im Südpazifik auf und ließ die Kandidaten hinunterrollen. Diese Geschichte und vor allem, weil ihr bester Fahrer auf den Namen Bruno Banani hört, brachten dem Rodelteam von Tonga bereits einige Aufmerksamkeit. So viel, dass das Königshaus Tongas in diesem Winter alle Interviews verboten hat. Bruno Banani sollte sich auf die Olympiaqualifikation konzentrieren. Die hat er aber durch einen Sturz auf der Innsbrucker Rodelbahn vermasselt.

Bruno Banani, der inzwischen vom gleichnamigen sächsischen Unterwäschehersteller gesponsert wird, hätte in Vancouver sicherlich weltweite Bekanntheit erlangt. Die internationalen Medien interessieren sich beim Rodeln inzwischen fast mehr für Exoten wie die 108 Kilogramm schwere Venezolanerin Igina Boccalandro. Vielleicht ändert sich das, wenn in Vancouver der Geschwindigkeitsrekord von 153,98 Stundenkilometern von einem der Männer gebrochen wird. Vielleicht auch, wenn die hübsche Natalie Geisenberger die deutsche Frauen-Rodelmedaille gewinnen sollte. Die blonde Oberbayerin hat Spaß an Fotoshootings, einige Tausend Bilder habe sie schon von sich zu Hause, berichtet ihr Vater. Nach Vancouver dürften noch ein paar hinzukommen. Dann aber wird es wieder ruhig werden um das Rodeln. Für die nächsten vier Jahre.

Kein Trubel, das ist ihr recht. Sie mag die Einsamkeit der Berge

Tatjana Hüfner findet das in Ordnung. „Mir ist es ganz recht, dass Rodeln eine Sportart ist, die ein bisschen abseits steht“, sagt sie, die in ihrer Freizeit gerne die Einsamkeit der Berge sucht, zuletzt bestieg sie dass Matterhorn. Wie tief dieses Abseits ist, das hat sie gemerkt, als sie gemeinsam mit Natalie Geisenberger im Sommer auf einem Finanzseminar für Profisportler war. Der Rodelverband hatte beide dorthin geschickt, sie sollten den Umgang mit Geld lernen. Mit ihnen saßen noch einige Fußball-Nachwuchsprofis in den Stühlen. Als der Seminarleiter erklärte, wie man eine Million Euro anlegt, sahen die Rodelfrauen sich staunend an. Die Fußballer dagegen zückten die Stifte und machten eifrig Notizen.

Allen Erfolgen zum Trotz ist Rennrodeln doch immer eine komisch aussehende Sportart geblieben, bei der sich in der Regel erwachsene Mitteleuropäer in hauchdünne Anzüge zwängen, sich anschließend mit Paddelschlägen wie Pinguine in den Eiskanal schieben und dann atemberaubend schnell hinunterjagen. Doch im olympischen Medaillenspiegel zählt eine Rodelmedaille der Frauen genauso viel wie eine Medaille in den olympischen Kernsportarten Skiabfahrt oder Eiskunstlaufen.

Und der DOSB will wie 1992 in Albertville, 1998 in Nagano und vor vier Jahren in Turin auch in Vancouver den Medaillenspiegel auf Platz eins abschließen. Das soll Deutschlands Anspruch als führende Wintersportnation unterstreichen und die Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2018 unterstützen. Wer in den Wintermonaten am Wochenende einen öffentlich-rechtlichen Sender einschaltet, wird angesichts stundenlanger Liveübertragungen an der Eignung ohnehin keinen Zweifel haben. Und die Chancen Deutschlands, erfolgreichste Nation in Vancouver zu werden, stehen wieder gut.

Vor allem Sportlerinnen wie die Biathletinnen Magdalena Neuner, Kati Wilhelm oder Andrea Henkel, die Eisschnellläuferin Jenny Wolf, die Skirennfahrerin Maria Riesch oder die Snowboarderin Amelie Kober zählen zu den aussichtsreichsten Hoffnungen. Die meisten Olympia-Frauen profitieren davon, bei Bundeswehr oder Bundespolizei angestellt zu sein. Über die Hälfte der 153 deutschen Winter-Olympioniken, auch Tatjana Hüfner, arbeiten auf einer dieser Stellen, die es ihnen ermöglichen, ihren Wintersport überhaupt hauptberuflich auszuüben. Nationen wie Österreich oder Italien fangen gerade erst an, ihren Sportlerinnen ebenfalls eine militärische oder polizeiliche Laufbahn anzubieten.

Auch den Weltcup Ende Januar in Oberhof haben die deutschen Sportler gewonnen, Tatjana Hüfner fuhr dort ihren fünften Saisonsieg ein. Die Bundeswehrsoldaten vor den drei Fahnenmasten für die Erstplatzierten konnten an jenem Wochenende gar nichts falsch machen. Sie mussten nur immer wieder die Flagge in Schwarz-Rot-Gold aufziehen, beim Wettbewerb der Männer, der Frauen und der Doppelsitzer, bei Platz eins, bei Platz zwei und Platz drei. Und dann immer wieder: Einigkeit und Recht und Freiheit.

So oft wurde die deutsche Nationalhymne gespielt, dass einige der Konkurrenten schon Ohrenweh bekamen. „Es wäre schön, wenn wir mal etwas anderes hören könnten“, sagte Nina Reithmayer, die 25 Jahre alte Österreicherin, die das Rennen als sechste beendete. Große Hoffnungen mache sie sich aber nicht, sagte sie gleich dazu und seufzte: „Die Deutschen sind halt ein bisserl überragend.“

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