Sport : Deutsche Eishockey-Liga: Flucht aus dem 30. Stock

Claus Vetter

Am Mittwoch hat Lorenz Funk junior erst einmal ganz tief durchgeatmet. Der Eishockey-Profi der Berlin Capitals war gerade mit seinem Mannschaftskollegen Greg Andrusek auf dem Weg zum Training, da klingelte sein Handy. Die folgende Nachricht kam aus New York, und sie ließ die beiden erblassen, obwohl es doch eine gute Nachricht war: Rob Cimetta lebt. Aber viel hat nicht gefehlt, und die Berlin Capitals hätten um einen ehemaligen Kollegen trauern müssen.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Rob Cimetta war zwei Jahre lang als Spieler und noch bis Ende vergangenen Jahres als Sportdirektor bei den Berlinern beschäftigt. Seit dem Abschied aus Berlin arbeitet er in der Finanzbranche. Am Dienstagvormittag befand sich Cimetta im 30. Stock des World Trade Centers, als der große Knall New York und die ganze Welt erschütterte. Der Kanadier konnte das Gebäude noch rechtzeitig und unversehrt über die Treppen verlassen, nachdem sich die erste der beiden Boeings in das Gebäude gebohrt hatte.

"Wir sind doch näher dran, als wir manchmal glauben wollen", sagt Lorenz Funk junior. "Ich war natürlich erst einmal schockiert." Soll also die Deutsche Eishockey-Liga (DEL), in der mehr nordamerikanische Profis beschäftigt sind als in jeder anderen deutschen Profiliga, erst einmal eine Pause einlegen? Funk winkt ab. "Auf gar keinen Fall. Als Profisportler lernst du von klein auf alle Probleme, die dir durch den Kopf gehen könnten, im Spiel abzuschalten." Nachdem die DEL am Dienstag und Mittwoch Spiele abgesagt hatte, soll es heute weitergehen. Die Capitals empfangen um 19.30 Uhr in der Deutschlandhalle die Revier Löwen Oberhausen, und sie werden dabei wie alle Mannschaften in der DEL mit Trauerflor auflaufen. Zudem wird der Opfer in den USA mit einer Schweigeminute gedacht. "Das ist eine gute Idee", sagt Funk. Der Tatsache aber, dass in den Stadien der DEL heute keine Musik gespielt werden darf, kann der Stürmer - wie viele andere auch - wenig abgewinnen. "Das ist doch genau das, was diese irren Attentäter wollen - alles soll still stehen", meint Funk, "diesen Gefallen dürfen wir ihnen nicht tun. Wir sollten uns besser Gedanken darüber machen, wie wir den Opfern helfen können, anstatt die Musik abzuschalten."

Die lokale Konkurrenz der Capitals im Osten der Stadt denkt ähnlich. David Roberts etwa. Der 31-jährige US-Amerikaner in Diensten des EHC Eisbären hat zwar seit Dienstag wenig an Eishockey gedacht, weil ihm seit den Terroranschlägen auf sein Heimatland die Konzentration auf den Job schwer fällt. "Die Tragödie geht mir nicht aus dem Sinn", sagt Roberts. "Die Erinnerung daran werden wir noch für eine sehr lange Zeit mit uns herumtragen. Aber das Leben muss weitergehen. Wir dürfen doch nicht die Kontrolle über unser Leben verlieren." In diesem Zusammenhang habe er sich als Amerikaner sehr über die Anteilnahme der Berliner Bevölkerung nach den Anschlägen gefreut. "Es ist gut, dass die Leute das Verbrechen verurteilen, man merkt, dass die USA nicht alleine da steht."

Irgendwo zwischen Betroffenheit und Trotz ist das Stimmungsbild bei den Eisbären anzusiedeln. Neben den vier US-Amerikanern haben in Hohenschönhausen auch viele kanadische Spieler einen engen Bezug zu den Vereinigten Staaten. Zum Beispiel Torwart Richard Shulmistra, der ein Haus im Bundesstaat Pennsylvania hat, unweit von der Stelle, wo eines der vier entführten Flugzeuge am Dienstag abstürzte. "Auch wenn das nach der Katastrophe vom Dienstag seltsam klingen mag - ich meine, dass wir uns den Alltag nicht von Terroristen diktieren lassen dürfen", sagt der Torhüter.

Richard Shulmistra fällt diese Aussage nicht leicht. Schließlich kannte er aus seiner Zeit im College-Eishockey Mark Bavis. Der aus Boston stammende Amerikaner war einer der beiden Spielerbeobachter der Los Angeles Kings, die beim Anschlag auf das World Trade Center ums Leben kamen. Bais saß in einer der beiden entführten Maschinen, die von Terroristen in die berühmten Zwillingstürme gesteuert worden waren.

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