Deutsche Eishockey-Nationalmannschaft : Der Faktor Pat Cortina

Die Eishockey-WM in Tschechien steht an, doch die besten deutschen Spieler sagen reihenweise für die Nationalmannschaft ab. Warum ist das so? Eine Analyse.

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Bundestrainer Pat Cortina schafft es bisher nicht, ein Wir-Gefühl zu erzeugen.
Bundestrainer Pat Cortina schafft es bisher nicht, ein Wir-Gefühl zu erzeugen.Foto: dpa

Am Dienstag hat Dennis Seidenberg mit Pat Cortina telefoniert. Die Angaben zum Zeitpunkt des Gesprächs sind unterschiedlich. Vom deutschen Weltklasseverteidiger war zu hören, er habe dem Eishockey-Bundestrainer bereits nachmittags mitgeteilt, dass er bei der Weltmeisterschaft in Tschechien im Mai nicht aufs Eis gehen werde. Cortina dagegen sagte am Dienstagnachmittag: „Ich werde am Abend mit Dennis telefonieren.“ Vielleicht wollte der Bundestrainer ihm ja auch nur gute Besserung wünschen, Seidenberg ist am Handgelenk verletzt. Wie auch immer: Absage ist Absage. Und im Fall Seidenberg in etwa Absage Nummer 30 für Cortina. Das Team, das der Bundestrainer im Wellblechpalast von Berlin-Hohenschönhausen im letzten Testspiel vor der WM gegen Slowenien aufs Eis schickte, war kaum mehr als eine deutsche B-Auswahl. Trotzdem reichte es zu einem 4:3-Sieg nach Penaltyschießen.

Mit Tobias Rieder ist nur ein Spieler aus der nordamerikanischen NHL im Kader für Prag. Rieder sagt: „Natürlich ist es schade, die Verletzten hätten unser Team noch besser gemacht.“ Das ist stark untertrieben, es ließe sich mit den fehlenden Profis locker eine Mannschaft aufstellen, die das WM-Team mühelos schlagen sollte. In keiner anderen deutschen Mannschaftssportart ist es so kompliziert wie im Eishockey, die Besten fürs Nationalteam aufzustellen. Und dafür gibt es Gründe.

Der erste Grund sind erstaunlich viele Verletzungen: So sagte nach Christian Ehrhoff und Seidenberg nun auch der drittbeste deutsche Verteidiger Sinan Akdag für Prag ab. Angeblich hat sich der Mannheimer seit Januar mit einer Schulterverletzung übers Eis gequält. Nur eine Woche nach einer Finalserie der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) sieben WM-Spiele bestreiten zu müssen, das ist für geschundene Körper wie den von Akdag nicht unbedingt das beste Mittel zur Regeneration. Allerdings haben andere Nationen dieses Problem auch. Sind deutsche Spieler etwa verletzungsanfälliger als der Rest der Welt? Wohl kaum.

Manche Verletzung mag als Vorwand dienen, um auf die schmal entlohnte Dienstreise zu verzichten. Beliebt ist daher auch die Absage aus „persönlichen Gründen“, wie sie diesmal von Marcel Goc kam. Der Mann aus dem Schwarzwald stürmt seit gut einem Jahrzehnt in der NHL, nun läuft sein Vertrag bei den St. Louis Blues aus und Goc sucht einen neuen Arbeitgeber. Da wäre es nicht förderlich, wenn er sich bei einer WM verletzen würde. Aber auch diese Probleme kennen andere Nationen, nur gelten sie seltener als Entschuldigung. Und da kommt nach Verletzungen und Unlust Absagefaktor drei ins Spiel: Bundestrainer Cortina.

Verletzungen, Unlust und der Bundestrainer selbst sind schuld an den vielen Absagen

Auch Cortinas Vorgänger Uwe Krupp musste um seine besten Spieler kämpfen – das aber oft sehr erfolgreich. Marco Sturm kam 2006 zur B-WM nach Frankreich, Christian Ehrhoff stieß sogar noch während des Turniers 2010 zur Mannschaft. Offensichtlich gelang es Krupp, an den Stolz seiner Spieler zu appellieren. „Ich kann versprechen, dass jeder, der den Adler auf der Brust trägt, auch alles geben wird“, sagte der Bundestrainer vor der Heim-WM 2010. Diesen Satz könnte Cortina kaum genauso sagen, dazu ist sein Deutsch nach fast sieben Jahren in Deutschland zu dürftig. Das Training der Nationalmannschaft hält er auf Englisch ab. Es trägt sicherlich nicht dazu bei, dass sich der Draht zu den Spielern verkürzt.

Pat Cortina sagt zur personellen Misere: „Es ist so, wie es ist. Wir müssen uns auf die Spieler konzentrieren, die da sind.“ Und damit hat er sich schon mal Vorlagen für Prag geschaffen. Falls es beim Turnier nicht laufen sollte, dann sollte der Es-ist-wie-es-ist-Zustand schuld sein. Und falls doch mal gewonnen werden sollte, kann jeder Mini-Erfolg großgeredet werden. Dem Es-ist-wie-es-ist-Zustand sei Dank.

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