Deutsche Elf : Abwehr mit Bart

Die Defensive der Nationalmannschaft ist noch steigerungsfähig - Christoph Metzelder nach langer Verletzungspause von seiner Bestform noch entfernt.

Stefan Hermanns[Ascona]
Metzelder
Nicht immer alles im Griff. Christoph Metzelder im Zweikampf mit Polens Ebi Smolarek.Foto: ddp

So eine Europameisterschaft liefert immer auch einen Überblick über aktuelle Trends. Und das nicht nur fußballerisch, sondern auch in Modefragen. Allerdings tun sich die Fußballer der deutschen Nationalmannschaft in dieser Hinsicht selten stilbildend hervor. Die Frisur von Bastian Schweinsteiger hat man zuletzt etwa 1999 bei Friseusen aus Eisenhüttenstadt gesehen, und Christoph Metzelder musste sich schon fragen lassen, warum er sich so einen schrecklichen Vollbart stehen lasse.

Dem Innenverteidiger aber geht es weniger um modische Aspekte als um Aberglauben. Und auch der Wiedererkennungswert ist nicht zu unterschätzen. Der Bart identifiziert Metzelder zumindest eindeutig als jenen Spieler, der bei der WM 2006 mit Per Mertesacker eine der stabilsten Innenverteidigungen gebildet hat. Sonst käme man wahrscheinlich nicht darauf. Es ehrt Metzelder, dass er wenig Wert auf Äußerlichkeiten legt. Gegen Polen sah er mit seinem Bart zehn Jahre älter aus, als er in Wirklichkeit ist.

Aber es ist schon eine bemerkenswerte Leistung, dass der Verteidiger es nach seiner langen Verletzung überhaupt zur EM geschafft hat. „Christoph hat eine gute Entwicklung in der Vorbereitung gemacht“, sagte Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft. „Es war ein ständiges Bergauf.“ Vom Gipfel aber ist Metzelder noch weit entfernt. Sein Auftritt gegen Polen ist fast ein bisschen zu gut weggekommen. „Sehr souverän, sehr beständig“ hatte Bierhoff den Verteidiger von Real Madrid erlebt, und Bundestrainer Joachim Löw sagte: „Die Abwehr hat insgesamt stabil gewirkt. Sie hat ihre Sache organisatorisch über weite Strecken gut gelöst und kaum Fehler gemacht.“

Dass die deutsche Defensive zu null gespielt hat, ist letztlich das entscheidende Kriterium, aber es war offensichtlich, wie sehr die Mannschaft Metzelder unterstützen musste, um dieses Ziel zu erreichen. Immer wenn der Innenverteidiger in Gefahr zu geraten drohte, fanden sich helfende Füße, die die offenen Räume zuliefen und -stellten. Vor allem Torsten Frings tat sich als Unterstützerkommando hervor. „Das Mittelfeld hat einiges abgefangen“, sagte Löw. Und doch sah sich der Bundestrainer in allen kniffligen Personalentscheidungen bestätigt. Clemens Fritz belebte das rechte Mittelfeld, Lukas Podolski entschied aus dem linken Mittelfeld heraus die Partie, die Innenverteidigung spielte zu null, und auch Jens Lehmann bot nach kleineren Unsicherheiten zu Beginn keine weitere Angriffsfläche. „Er war bei vielen Bällen sicher“, sagte Löw.

Wie für den Torhüter gilt auch für Metzelder, dass er sich fehlende Spielpraxis im Turnier beschaffen muss. Der Plan könnte aufgehen, weil das Risiko angesichts der Vorrundengegner kalkulierbar ist. Auf eine Mannschaft mit überragenden Stürmern würden die Deutschen wohl erst im Halbfinale stoßen. Dass beide Innenverteidiger und der Torhüter weiter unter Beweisdruck stehen, ist kein Nachteil. Schon bei der WM haben sie sich als eine Art Schicksalsgemeinschaft verstanden. Ihren guten Namen wollten sie sich nicht zerstören lassen, sagte Per Mertesacker. „Dagegen gehen wir jetzt an."

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