Deutsche Fußballgeschichte : Ein neues Leben in sechs Minuten

Vor 25 Jahren flohen die DDR-Fußballer Falko Götz und Dirk Schlegel in den Westen – die Angst vor den Folgen wurden sie nie los.

Sven Goldmann
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Die Ex-DDR-Spieler Falko Götz und Dirk Schlegel im Trikot von Bayer Leverkusen. -Foto: picture-alliance

Der Zug fährt heute noch. Um 23.50 Uhr verlässt D 296 den Bahnhof von Ljubljana. 0:12 Kranj, 0:33 Lesce Bled, 0:48 Uhr Jesenice, der Grenzbahnhof nach Österreich. Sechs Minuten Aufenthalt.

Es ist die Nacht vom 2. auf den 3. November 1983. Für Falko Götz und Dirk Schlegel werden es die längsten sechs Minuten ihres Lebens. Der Moment, in dem sich alles entscheidet: Gefängnis und lebenslange Ächtung. Oder der Westen mit der Aussicht auf eine Karriere als Fußballprofi in der Bundesliga.

Sechs Minuten.

Der mysteriöse Tod von Lutz Eigendorf liegt erst ein halbes Jahr zurück

Falko Götz redet bis heute nicht besonders gern über den Tag, der sich heute zum 25. Mal jährt. Bloß keinen provozieren! Die im Dunklen sieht man nicht, die Männer vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS), die ja irgendwie weiterleben im vereinigten Deutschland. Götz und Schlegel hatten mal ein sehr exponiertes Verhältnis zum MfS. Beide spielten für den Berliner FC Dynamo, den von Stasichef Mielke protegierten Fußballklub. Aus der DDR zu fliehen war riskant genug, aber ein Absetzen vom BFC empfand Mielke als Verrat an ihm persönlich. Der erste, der Dynamo entsagte, lebt längst nicht mehr. Lutz Eigendorf, sechsmaliger DDR-Nationalspieler, floh 1979 nach einem Freundschaftsspiel in Kaiserslautern. 1983 kam er bei einem Autounfall ums Leben. Das war ein halbes Jahr vor der Flucht von Schlegel und Götz, und bis heute steht der Verdacht im Raum, die Stasi hätte ihre Finger im Spiel gehabt.

Lutz Eigendorfs Tod liegt ein halbes Jahr zurück, als Götz und Schlegel ihre Flucht wagen. Beide sind sie Außenseiter beim BFC. Junggesellen mit Westverwandschaft. Götz’ Familie wohnt zur Hälfte in der Bundesrepublik, Schlegel ist sogar beim Klassenfeind geboren, im Juni 1961 in Hannover. Der Vater arbeitete auf dem Bau, die Mutter im Krankenhaus. Ein paar Wochen vor dem Mauerbau kehrte die Familie zurück nach Prenzlauer Berg. Den Makel der Westverwandtschaft werden die Fußballer nie los.

Beide bewerben sie sich um die Aufnahme auf die Kinder- und Jugendsportschule und werden ohne Begründung abgelehnt. Statt Abitur machen sie eine Lehre zum Elektromonteur. „Die haben mir alle Steine in den Weg gelegt“, sagt Falko Götz, „aber Profi bin ich doch geworden.“ Mit 19 Jahren hat er bei einem Junioren-Länderspiel in Schweden zum ersten Mal mit einem Trainer und einem Spieler aus dem Westen geplaudert. Götz merkt: So schwer ist es gar nicht, Kontakt zu einem großen Klub aufzunehmen. Und so unmenschlich, wie sie im Osten immer erzählen, geht es im Westen gar nicht zu. Soll er wirklich sein Leben lang in der DDR-Oberliga spielen?

Sie schwärmen von der Bundesliga

Es fängt damit an, dass die beiden vor dem Fernseher, während der Sportschau, von der Bundesliga schwärmen. Ein Wort gibt das nächste. Schlegel sagt, er habe das Unaussprechliche ausgesprochen: Wollen wir nicht abhauen? Götz wäre zur Not auch allein geflüchtet, „aber nie mit einem anderen als Dirk, wir kannten uns ja schon seit der F-Jugend“. Wenn sie im BFC-Trainingsquartier Uckley über die Flucht reden, gehen sie im Wald spazieren. Nach der Wende werden sie erfahren, dass Uckley komplett verwanzt war.

Im September 1983 tritt der BFC im Europapokal beim Luxemburgischen Meister Jeunesse Esch an. Falko Götz ist 21 Jahre alt, Dirk Schlegel gerade 22 geworden. Am Flughafen Schönefeld nehmen sie insgeheim Abschied. Doch ein Freund, der den beiden helfen soll, erhält kein Visum. Götz und Schlegel wollen improvisieren. Beim obligatorischen Einkaufsbummel lauern sie auf den passenden Augenblick, aber der kommt nicht. An der Bustür steht ein Stasi-Mann, der zweite wartet am Eingang zum Einkaufszentrum. Warum sie nicht einfach weggerannt sind? „Es wusste doch keiner, ob die Jungs eine Pistole haben“, sagt Schlegel. „Wen hätten wir denn fragen sollen?“

Wo hat die Stasi ihre Aufpasser?

In der nächsten Runde geht es zu Partizan Belgrad. Mit Mielkes Dienstmaschine fliegt der BFC in die Hauptstadt des blockfreien Jugoslawiens. Es ist Montag, der 1. November 1983. Der ungeduldige Götz will sich schon nach dem ersten Training davon machen. Doch im November wird es früh dunkel, sie kennen die Gegend nicht, und Schlegel überredet den Freund, bis zum nächsten Tag zu warten. Beim Abendessen gibt Trainer Bogs das Programm für den Dienstag bekannt. Für den Vormittag ist ein Spaziergang im Stadtzentrum geplant.

Wird die Stasi wie in Luxemburg Aufpasser am Bus postieren? Im Flugzeug sind Falko Götz so viele teamfremde Personen wie noch nie aufgefallen. Jeder weiß, für wen sie arbeiten. Doch die Stasileute rechnen nicht damit, dass ausgerechnet in Belgrad jemand die Flucht wagen will. Beim Treffpunkt in der Belgrader Innenstadt sagt Trainer Bogs: „Also Männer, in einer halben Stunde sehen wir uns wieder hier.“

Götz und Schlegel gehen eine Ecke weiter und halten ein Taxi an. Die deutsche Botschaft ist fünf Minuten entfernt, sie liegt an einem breiten Boulevard im Stadtzentrum in unmittelbarer Nachbarschaft des jugoslawischen Außenministeriums. Dem Pförtner sagen sie: Wir kommen von Dynamo Berlin, das ist der Verein der Stasi, die Angelegenheit ist dringend! Nach einer halben Stunde werden Götz und Schlegel zu einem Sachbearbeiter vorgelassen. Der Mann nimmt ihnen die leuchtenden Jacken mit dem Dynamo-Emblem ab und informiert den Botschafter. Der entscheidet: weiter nach Zagreb. Drei Stunden im Auto. Dort stellt das deutsche Generalkonsulat Reiseersatzpapiere aus, auf Phantasienamen, Geburtsort: München. Die Fußballspieler Götz und Schlegel gibt es nicht mehr. Wieder ins Auto, weiter nach Ljubljana. Unterwegs wird den Flüchtlingen eine Legende eingetrichtert: Ihr seid mit dem Zug aus München gekommen und in Ljubljana kurz ausgestiegen, bei der Rückkehr waren Gepäck, Wertsachen und Pässe weg, deswegen müsst ihr zurück nach Deutschland. Merkt euch das! Keine Sorge, das klappt immer, sagen die Leute vom Konsulat, aber sie könnten leider nicht mitkommen, und wenn etwas schief gehe, hätten sie natürlich nie etwas gewusst.

Ein Polizist kontrolliert die Ersatzpapiere

In Ljubljana steigen die beiden in den Zug, und das lange Warten beginnt. Kranj, Lesce Bled, Jesenice, der Grenzbahnhof. Ein Polizist öffnet die Tür, er wirft einen kurzen Blick auf die Ersatzpapiere, und schon ist er wieder raus. Die Anspannung des Tages, der letzten Monate fällt ab, „und dann haben wir die ganze Nacht geschwatzt“, sagt Götz. „Bei uns im Schlafwagen saß noch ein dritter Mann, ich glaube, der hat uns verflucht.“

Auch im Belgrader Hotel Jugoslavija wird es eine unruhige Nacht. Immer wieder geht die Delegationsleitung des BFC Dynamo die letzten Stunden durch. Ohne Götz und Schlegel ist der Bus zurück ins Hotel gefahren, und die Delegationsleitung hat Trainer Bogs angewiesen, er solle den Spielern sagen, die beiden wären beim Ladendiebstahl erwischt worden. „Irgendwie haben wir ja wirklich gehofft, dass gleich die Polizei anruft“, sagt Bogs im Rückblick. Jeder kann sich denken, was passiert ist. „Keiner aus der Mannschaft hat den beiden diesen Schritt verübelt“, sagt der damalige Libero Frank Rohde, „obwohl der Zeitpunkt nicht so richtig günstig war.“ Denn der BFC Dynamo steht in Belgrad nicht nur vor einem politischen Problem. Götz und Schlegel sind Stammspieler. Bogs fragt den 18-jährigen Andreas Thom, ob er sich einen Einsatz zutraut. Thom gibt ein grandioses Debüt, der BFC verliert nur 0:1 und erreicht dank des 2:0-Hinspielsieges zwei Wochen zuvor in Berlin die nächste Runde.

Das Schweigen des BFC Dynamo

Wo aber sind Schlegel und Götz? „Über diese beiden will ich nicht sprechen“, sagt Bogs in der Pressekonferenz. Als die jugoslawischen Reporter nachhaken, steht er auf und geht. Um 21.44 Uhr verbreitet die Nachrichtenagentur ADN eine Meldung, die später alle DDR-Zeitungen drucken: „Die Fußballspieler Falko Götz und Dirk Schlegel vom BFC Dynamo wurden von Profimanagern der BRD mit hohen Geldsummen abgeworben. Vor dem Spiel des Europapokals der Landesmeister in Belgrad haben sie ihre Mannschaft verlassen und verraten.“

Götz und Schlegel wissen zu diesem Zeitpunkt weder etwas von Profimanagern noch von hohen Geldsummen. An der deutschen Grenze empfängt sie ein Beamter mit den Worten: „So, eure Papiere habt’s also verloren, ihr Deppen!“ Am frühen Mittwochmorgen kommen sie mit dem Zug in München an. Am Kiosk grüßt die Schlagzeile der „Bild“-Zeitung: „DDR-Fußballstars geflohen!“

Mit dem Zug geht es weiter ins Notaufnahmelager nach Gießen. Dort treffen die ersten Angebote ein. Elf Bundesligaklubs wollen die beiden haben. Jörg Berger meldet sich. Auch er hatte sich 1979 über Belgrad aus der DDR abgesetzt, Götz und Schlegel kennen ihn aus seiner Zeit als Trainer der Junioren-Nationalmannschaft. Berger vermittelt den Kontakt zu Bayer Leverkusen, der beiden Zweijahresverträge gibt. Weil der DDR-Verband die Freigabe verweigert, werden Götz und Schlegel für ein Jahr gesperrt.

Ein Mann tritt an den Tisch, mit einem Brief der Mutter

Vorher unternimmt die DDR einen letzten Versuch, die beiden Abtrünnigen zur Rückkehr zu überreden. Sie sitzen gerade mit Dettmar Cramer beim Essen, da tritt ein Anwalt an ihren Tisch. Er habe einen Brief von Götz’ Mutter dabei, ob die beiden denn an einem Kontakt zur DDR interessiert seien. Sie sind nicht interessiert. Der Anwalt meldet sich nie wieder. Später wird Götz von den endlosen Verhören erfahren, in denen seine Eltern eine vermeintliche Einweihung in die Fluchtpläne zugeben sollen. Auch seine Ex-Freundin wird drangsaliert. Die Stasi weiß noch gar nichts von der Trennung. Sonst hätte Götz die Reise nach Belgrad vielleicht gar nicht antreten dürfen.

Gewarnt durch Eigendorfs mysteriösen Unfalltod, vermeiden Götz und Schlegel jedes kritische Wort über die DDR. Und doch müssen sie nach der Wende in ihren Akten lesen, dass die Stasi sie lückenlos überwacht und eine Entführung erwogen hatte. Auch über Bayer fördert das MfS-Archiv Interessantes zutage: Im April 2000 berichtet die „Berliner Zeitung“, der Chemie-Konzern habe um sein DDR-Geschäft gefürchtet und daraufhin seinen West-Berliner Statthalter zu einem „vertrauensbildenden Gespräch“ nach Ost-Berlin geschickt. Der Parlamentär plaudert allerlei Interna aus, unter anderem auch die Rolle Jörg Bergers. Der hatte von Götz und Schlegel aus der Zeitung erfahren, aber die Stasi weist ihm in internen Dokumenten die Rolle des Fluchthelfers zu. Berger sagt heute, er habe in seiner Akte Beweise auf einen von der Stasi gegen ihn geplanten Giftanschlag gefunden.

Ein Jahr und einen Tag nach der Flucht aus Belgrad treten Dirk Schlegel und Falko Götz in Bielefeld zu ihrem ersten Bundesligaspiel an. Schlegel verschlägt es noch vor der Wende nach West-Berlin, wo er für Blau-Weiß 90 in der Ersten und Zweiten Liga spielt. Götz bleibt in Leverkusen, gewinnt mit Bayer 1988 den Uefa-Cup. Später arbeiten beide in verschiedenen Positionen für Hertha BSC. Im Frühling 2007 wird Götz als Cheftrainer bei Hertha entlassen und wartet seitdem auf einen neuen Job. Schlegel arbeitet heute als Talentspäher für einen Spielerberater.

Es gibt noch eine Pointe zu dieser Geschichte aus einem Deutschland, als Ost und West mehr waren als Himmelsrichtungen. Lange nach der Wende fragt der BFC bei Schlegel und Götz an, ob sie nicht in der Traditionsmannschaft mitspielen wollen, „ihr wart doch auch mal bei uns!“ Die Flüchtlinge von 1983 sollen die Tradition eines gewendeten Stasiklubs hoch halten. Ach nee, hat Schlegel geantwortet, „das muss nun wirklich nicht sein“.

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