Sport : Deutsche Hockey-Hallenmeisterschaft: Spaß haben und gut trinken

Heinrich Geiselberger

In der Schöneberger Sporthalle trainieren die Damen des Berliner Hockey-Clubs in ihren rot-blauen Trikots. Vom Schaumstoff an der Bande löst sich der Überzug. Die Stimmung ist angespannt: Von heute an findet in Hamburg das Finale um die Deutsche Hallenmeisterschaft statt. Der BHC trifft auf den Großflottbeker TGHC, TuS Lichterfelde spielt gegen Klipper Hamburg um den Einzug ins Finale.

Im Doppelduell zwischen Hamburg und Berlin treffen zwei Hockeymilieus aufeinander: In Berlin ist Hockey ein fast normaler Sport, in Hamburg nicht. Hamburg und Hockey passen zusammen: Beide gelten als traditionsbewusst, vornehm und (stock-)steif. Vereine wie Großflottbek, Klipper, der Harvestehuder THC oder der Club an der Alster prägen dieses Image. Im Vergleich zum BHC sind sie alle Bayern München. Die Spieler müssen nicht wie in Berlin in öffentlichen Hallen trainieren oder wie der BHC das Areal für die Geschäftsstelle vom Bezirk pachten. "In Hamburg liegt eben mehr altes Geld." Wenn Stefan Zipter, der Geschäftsführer des BHC, diesen Satz spricht, dann klingt das nicht einmal nach Neid.

Vielleicht aber nur, weil er die Klipper-Anlage in Hamburg-Hoheneichen nicht sieht. Im alten Grüngürtel der Stadt besitzt der Verein einen riesigen Hockey- und Tennispark. Nicht einmal Margot von Collande, die Sekretärinkann auf Anhieb sagen, wie groß das Gelände ist. Sie schätzt "10 000 Quadratmeter", muss sich aber korrigieren: Es sind sechseinhalb Hektar, alles von den Klubmitgliedern finanziert. Was Frau von Collandes Assistentin über das Milieu der Mitgliederschaft sagt, überrascht: "Och, das ist ganz gemischt." Am Nebentisch knallt ein Sektkorken. Ganz gemischt? "Naja, hier." Schiebt sie nach und reibt den Daumen über die Kuppen von Zeige- und Mittelfinger.

Auch Karl Ness, der Präsident vom Club an der Alster, müht sich, den Status seiner Klientel elegant zu umschreiben: "Die Hockeyklubs in Hamburg sind durch die Koppelung an Tennis sozial vielleicht etwas höher angesiedelt." Der Klub zwischen Außenalster und Rothenbaumchaussee ist beispielhaft für die Nähe der beiden Nobelsportarten. Neben der Halle, in der an diesem Wochenende die Finalrunde um die Deutsche Meisterschaft stattfindet, steht das Stadion für die German Open.

In Hamburg geht es bei Hockey nicht bloß um Sport. Wo früher mit Kolonialwaren gehandelt wurde, funktioniert heute die Hockeyfamilie als große Kontaktbörse. So können die Klubs Spitzenspieler verpflichten. Britta Becker, Hockeymodell und Frau von Fernsehmoderator Johannes B. Kerner, spielt für Großflottbek. Zur nächsten Saison verliert Berlin die Talente Florian Keller und Tobias Hentschel an die Rivalen im Norden. Gelockt werden sie aber nicht wie beim Fußball mit dem großen Geld. Die Hamburger funktionieren dank ihrer einflussreichen Anhänger wie eine Mischung aus Sportverein und Job-Agentur. So hat Alster Mitte der 80er Jahre den Nationalspieler Peter Caninenberg an den Rothenbaum gelockt. Ness erinnert sich: "Der hat uns damals toll mit dem Hockey geholfen - und wir ihm toll mit seiner Doktorarbeit."

Auch den Engländer Russell Garcia hat dieses System nach Hamburg gebracht. Allerdings ist ihm vor den Olympischen Spielen in Sydney bei einer Dopingprobe etwas Ähnliches passiert wie Christoph Daum, was bei der nationalen Konkurrenz klammheimliche Freude ausgelöst haben dürfte. Die Hamburger Klubs haben einen gewissen Ruf: Die Spieler sind in erster Linie Söhne, geben sich nach dem Training sorglos dem Vergnügen hin, um sich nach der aktiven Zeit ins gemachte Nest fallen zu lassen. Beim Herrenfinale in Berlin fiel Harvestehudes Anhang dadurch auf, dass Fans zur Barbourjacke vereinsfarbene Helme mit Bierglashalterungen trugen und von diesen auch reichlich Gebrauch machten. Hamburgs Hockeylegende Christian Blunck, Olympiasieger von Barcelona, will diesen Eindruck nur zum Teil bestätigen: "Die Hockeyspieler sind hier immer gut drauf und fröhlich. Spaß haben und gut trinken tun wir natürlich alle gern." Von verwöhnten Hockey-Bohemiens will er aber nichts wissen. "Gerade die einheimischen Spieler mussten zu meiner Zeit das Meiste machen", sagt Blunck. "Wir haben viel für die Vereine geleistet, und dafür haben wir dann auch was bekommen."

Trotz der wirtschaftlichen Unterlegenheit bleibt den Berlinern ein wichtiger Trost: Im Vereinsheim des BHC hängt eine ganze Wand voll mit Blauen Wimpeln. Die gibt es beim Hockey als Meistertrophäe. So was haben sie in Hamburg nicht.

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