Deutsche in Wimbledon : Das Becker-Gen fehlt

Die deutschen Tennisprofis überzeugen in der Breite, doch ein Topspieler fehlt.

Petra Philippsen
Return zum Sieg. Philipp Petzschner will in die Pflicht genommen werden.Foto: dpa
Return zum Sieg. Philipp Petzschner will in die Pflicht genommen werden.Foto: dpaFoto: dpa

London - Das gab es noch nie: Außer Andy Murray schieden bereits alle übrigen sieben Hoffnungsträger Großbritanniens bei Wimbledon in Runde eins aus. Da sollte die Stimmungslage hierzulande doch weit besser sein, schließlich schafften es von zwölf gestarteten Männern neun in die zweite Runde und von den sechs Frauen immerhin zwei. Und am Mittwoch zogen Daniel Brands, Philipp Kohlschreiber, Florian Mayer und Angelique Kerber bereits in Runde drei ein; nur Rainer Schüttler, Benjamin Becker und Kristina Barrois schieden aus. Doch so recht will keine Euphorie aufkommen. Und das stört besonders die Spieler. „Dann wird wieder ‚Masse statt Klasse‘ geschrieben“, ahnt Philipp Kohlschreiber. Auch bei seinen Kollegen ist immer wieder Unmut herauszuhören. Es ist die Enttäuschung darüber, dass die eigentlich passablen Leistungen nie so recht gewürdigt würden. Gut sei nach deutschen Ansprüchen eben nie gut genug, fügte Kohlschreiber hinzu. „Es fehlt momentan ein Topspieler, ein Aushängeschild“, sagt er, „wir versuchen alles, aber vielleicht fehlt uns einfach das Becker-Gen.“

Der derzeit beste deutsche Akteur zählt zu jener Generation, die noch immer das schwierige Erbe Boris Beckers bewältigen muss. Dessen erster Wimbledonsieg jährt sich nun zum 25. Mal. Der folgende Tennisboom sei auch ein Fluch gewesen, sagt der 34-jährige Rainer Schüttler: „Die Leute haben von den Spielern danach erwartet, dass sie die gleichen Erfolge haben.“ Thomas Haas, 32 Jahre alt und derzeit verletzt, war schon einmal die Nummer zwei der Welt. Nicolas Kiefer, fast 33 Jahre, schaffte es bis auf Rang vier, Schüttler auf Rang fünf. Doch in Deutschland war man ja von einem Becker verwöhnt, der sechs Grand-Slam-Titel gewann. So einen Siegertyp gibt es derzeit nicht.

Dafür stehen aktuell elf deutsche Männer unter den Top 100, vor drei Jahren waren es nur vier. „Wir spielen im Moment alle auf einem sehr, sehr hohen Niveau“, sagt Philipp Petzschner. Der 26-Jährige sieht sich und Kohlschreiber am Zug. „Man muss uns jetzt mal in die Pflicht nehmen. Wir sind nun die Älteren und müssen weit kommen.“ Kohlschreiber weiß, dass er zuletzt „vielleicht zu sehr im eigenen Saft geschmort“ hat und sucht nun einen hochklassigen Trainer, der ihm helfen soll, sein Ziel zu erreichen: „Die Top 20 zu knacken, endlich“. Das Rankingsystem begünstigt rasche Aufstiege, so wurde Schüttler 2008 mit seinem Halbfinale in Wimbledon zum deutschen Spitzenspieler katapultierte: „So ein Erfolg kann einen ein Jahr retten. Es müsste sich nur mal einer wieder richtig durchbeamen.“ Petra Philippsen

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