Deutsche Leichtathlethik : Holzdeppe - eine Hoffnung für die WM

Der junge Raphael Holzdeppe hat schon viel Erfolge gefeiert. Doch gerade dadurch droht dem Stabhochspringer der Verlust seiner Unbekümmertheit

Frank Bachner
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Steiler Aufstieg. Raphael Holzdeppe gehört zur nationalen Spitze.Foto: dpa

Die Kette spielt natürlich eine Rolle, sie gehört zur Erfolgsgeschichte des Raphael Holzdeppe. Im Frühjahr 2008 ist er bei einem Juwelier aufgetaucht. „Machen Sie mir bitte eine Kette mit einem Stabhochspringer als Anhänger“, sagte er. Der Juwelier formte ein schönes Schmuckstück, und das hängt jetzt um den Hals des 18-Jährigen. Es ist ein Glücksbringer, es hat ideellen Wert, man kann deshalb nicht über seinen praktischen Nutzen philosophieren. „Ich bin kein abergläubischer Typ“, sagte Holzdeppe im Sommer, „aber seitdem ich sie habe, läuft es wirklich besser.“

Besser? Es läuft optimal. Für einen 18 Jahre alten Stabhochspringer jedenfalls, der 2006 eine Bestleistung von 5,42 Metern und 2007 von 5,50 Metern hatte. Damals war er nur eine statistische Größe im Heer der deutschen Stabhochspringer. Jetzt sagt Tim Lobinger, der selbstverliebte Sechs-Meter-Springer: „Was Rafa macht, das ist was Großes.“ Und Danny Ecker, auch ein Sechs-Meter-Springer, sagt: „Der ist wahnsinnig schnell.“

Junioren-Weltrekord und Olympiateilnahme

Da spricht wohl mehr als bloß der generöse Respekt der Älteren vor einem Talent, da schwingt wahrscheinlich auch eine Angst vor dem Machtverlust mit. Raphael Holzdeppe bedroht die bekannten Namen. Der 18-Jährige vom LAZ Zweibrücken steht plötzlich ganz weit oben in der Hierarchie, zumindest in der allgemeinen Wahrnehmung. In der vergangenen Saison steigerte er sich in kurzer Zeit von 5,65 auf 5,80 Meter. Damit stellte er den Junioren-Weltrekord des Russen Maxim Tarassow ein. Kurz darauf sicherte sich der Gymnasiast mit Platz drei bei den deutschen Meisterschaften die Qualifikation für die Olympischen Spiele, wenige Tage später wurde er U-20-Weltmeister. In Peking landete er auf Rang acht.

Es gibt ein Video von Raphael Holzdeppe. Da ist er ungefähr acht Jahre alt und tobte auf einer Leichtathletik-Anlage herum. Er sprang, rannte und strahlte. Schon da konnte man erkennen, dass er eine beachtliche Körperbeherrschung hatte. Das haben viele Kinder, das allein kann man nicht hochrechnen. Das Video hat nur in Verbindung mit seinen aktuellen Leistungen eine Aussagekraft. Stabhochsprung ist eine komplizierte Diszi plin, sie erfordert ein Höchstmaß an Körperbeherrschung. Holzdeppe besitzt diese Beherrschung; in Verbindung mit seiner Schnelligkeit bringt sie ihn so weit nach oben. Der 18-Jährige ist nur 1,81 Meter groß, er muss dieses Manko durch Schnelligkeit kompensieren.

Und dann greifen noch viele kleine Dinge. Mit Andrej Tiwontschik hat er einen früheren Weltklasse-Springer als Trainer. Der Gymnasiast stieg zudem auf neue Karbonstäbe um. „Die schießen einen viel mehr hoch“, sagt Holzdeppe. Vor allem aber profitierte er von seiner Unbekümmertheit. Wer achtete schon auf Raphael Holzdeppe? Der hatte im Winter 2008 einen U-20-Weltrekord in der Halle aufgestellt. Na und? So etwas geht unter im Feld der deutschen Spitzenspringer. Noch bei den deutschen Meisterschaften hatten neun Athleten die Chance auf die Olympiateilnahme. „Ich war hier komplett locker“, sagte Holzdeppe nach den Titelkämpfen.

Wie wird er unter Druck springen

Das dürfte nun ein Ende haben. Spannend ist die Frage, wie Holzdeppe unter Druck springt. Er wird in die Rolle eines Hoffnungsträgers für die Weltmeisterschaft in Berlin geschoben. Ein, zwei gute Ergebnisse zu Saisonbeginn, dann rückt er in den Kreis der Medaillenanwärter. Aber diesen unbekümmerten Holzdeppe, der den Umgang mit den Medien noch als interessante neue Erfahrung betrachtet, den gibt es schon seit Wochen nicht mehr. Er ist jetzt eingeklinkt in ein straffes Programm. Eine Bank unterstützt ihn nicht nur finanziell, sie hat ihm auch ein Medientraining vermittelt. Der Mann, der sich im Sommer noch als „locker und leicht überdreht“ charakterisiert hatte, lernt nun, auf Feinheiten zu achten. „Vorher habe ich Sachen gesagt, von denen ich mir gar nicht bewusst war, dass sie bestimmte Reaktionen auslösen können“, sagte er in einem Interview mit leichtahletik.de. Dazu kommt noch das Abitur. Holzdeppe will mal Sportmanagement studieren.

Das Hauptziel aber ist Berlin, die WM. Doch Holzdeppe ist intelligent genug, die Erwartungen nicht noch mehr zu schüren. „Ich schaue erst mal, wie die Hallensaison läuft, und dann setze ich mir eine Marke, die ich erreichen will.“

Eine Marke hat er sich schon gesetzt, aber die ist nicht an einen Zeitpunkt gebunden, die steht als symbolträchtiges Ziel. „Natürlich will ich mal die sechs Meter überqueren.“ Sein Trainer sagt: „Das traue ich ihm auf alle Fälle zu.“

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