Deutsche Leichtathletik-Meisterschaften : Nytra und Bayer: Paarweise stark

Hürdensprinterin Carolin Nytra und ihr Freund, der Weitspringer Sebastian Bayer, überraschen bei den Deutschen Meisterschaften in Ulm. Die zuletzt frustrierten Athleten schaffen die WM-Norm klar.

Frank Bachner[Ulm]
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Doppelt glücklich. Carolin Nytra und ihr Freund Sebastian Bayer feiern ihre Leistungen.Foto: ddp

Carolin Nytra trabte an der Gegentribüne vorbei, sie winkte den Fans, die ihr stehend zuklatschten und begeistert zujubelten. Als sie auf ihrer Ehrenrunde die Stabhochsprung-Anlage erreichte, las sie auf einer Anzeigentafel 8,49 Meter. Und plötzlich schrien die 14 500 Zuschauer im Ulmer Donaustadion laut auf und klatschten wilder als zuvor. Da wusste sie, dass sie jetzt Teil eines riesigen Spektakels war. Bis dahin waren es die Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften, aber jetzt wurde es ein Rührstück, eine dieser Geschichten, die wie inszeniert wirken.

Die 12,78 Sekunden der Hürdensprinterin Nytra vom Bremer LT war Meetingrekord, die neuntbeste Zeit in der Welt in diesem Jahr, die WM-Norm klar unterboten. Aber jetzt war auch noch Sebastian Bayer vom Bremer LT 8,49 Meter weit gesprungen, ebenfalls Meetingrekord, europäische Jahresbestleistung, nur fünf Zentimeter weniger als der Deutsche Rekord. Beide Topleistungen verschmolzen zu einer Geschichte. Denn Bayer und Nytra sind ein Liebespaar. Und beide glänzten in attraktiven Disziplinen, das traf den Nerv der Zuschauer. Die innige Umarmung der beiden, ihre Freudenküsse, der Jubel der Trainer, das alles lief überdimensional auf der Videowand. Im Sonnenschein von Ulm feierte ein ganzes Stadion Party.

Vor allem sind die 8,49 Meter und die 12,78 Sekunden die Geschichten vom punktgenauen Aufstieg zweier zeitweise frustrierter Athleten. Sebastian Bayer sprang bis Ulm gegen den Eindruck, seine 8,71 Meter bei der Hallen-EM 2009 seien ein extremer Einzelfall. Er war verletzt, er war krank, er hatte bis Ulm nicht mal die schwächere B-Norm für die WM erfüllt. 8,02 Meter, das war sein Meldeergebnis für Ulm.

Erst als er wieder richtig trainieren konnte, stieg sein Selbstvertrauen. „8,15 oder 8,20 Meter hatte ich mir schon zugetraut“, sagt der 23-Jährige. Aber er blieb zugleich vorsichtig. 8,14 Meter legte er im ersten Versuch vor, danach verzichtete er auf zwei weitere Versuche. Im fünften Durchgang dann 8,49 Meter. „Das ist für mich eigentlich fast schon die Bestätigung der 8,71 Meter“, sagt er. Jetzt fährt er sicher zur WM.

Auch Carolin Nytra kämpfte um die Normerfüllung. Auch sie war verletzt, auch sie hatte kein WM-Ticket sicher. Aber sie litt mehr als ihr Freund. „Ich habe eine Mädchenpsyche“, sagt sie. „Er ist ein Mann, er hat mich immer wieder aufgebaut.“ Aber es gab Tage, da haben sie sich gegenseitig gestützt. Dazu kam noch der Rummel um den Hallen-Europarekordler Bayer. Zeitweise, sagt Nytra, „hat mein Handy am Tag 40 Mal geklingelt, weil er nicht zu erreichen war und deshalb alle zu mir kamen.“

In den vergangenen zwei Wochen hat sie nur trainiert, sie wollte sich konzentriert auf die Deutschen Meisterschaften vorbereiten. „Ich wusste ja, dass ich das Niveau für eine Zeit klar unter 13 Sekunden hatte“, sagt die 24-Jährige. Aber sie konnte bis Ulm dieses Potenzial nicht umsetzen. Und irgendwann kam natürlich die unvermeidliche Frage an die Hürdensprinterin: „Sehen sie sich mit Sebastian Bayer als Traumpaar der Leichtathletik?“ Da musste Nytra kurz lachen. Sie ist nicht der Typ, der sich bewusst inszeniert. Andererseits, was soll’s? Sie dachte einen Moment nach, dann sagte sie gelöst: „Ach, mit dem Begriff habe ich keine Probleme.“

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