Sport : Deutsche National-Elf: Jancker und Kirsten stürmen gegen England - meint Ribbeck

Michael Rosentritt

Was so ein paar Lagertage am "Drielandenpunt" so alles ausrichten können. Der Fußballlehrer Erich Ribbeck ist bekanntermaßen kein Holländer, aber daran allein liegt es nicht, dass er nur bedingt als Fachkraft akzeptiert wird. Und doch überrascht dieser Herr nach Tagen allgemeiner Linienlosigkeit und Mal-abwarten-Rhetorik am sechsten Tag der Fußball-EM mit was Konkretem: "Ulf Kirsten und Carsten Jancker werden gegen England stürmen." Zwei Namen, eine Nachricht: Es bewegt sich was in der deutschen Mannschaft.

Am Montag hatten beide noch zuschauen müssen, wie sich ihre Teamkollegen zu einem 1:1 gegen Rumänien quälten. Bei Kirsten lag es an einem eingeklemmten Nerv, bei Jancker daran, dass Ribbeck sich auf seinen glücklosen Kapitän Oliver Bierhoff kapriziert hatte. Einmal vom Wind der Veränderungen gepackt, legte der Teamchef gleich nach: "Vielleicht werde ich am Sonnabend gegen England noch ein, zwei Positionen neu besetzen."

Das ist ein bisschen viel Innovation auf einmal. Nehmen wir erst einmal das, was wir haben. Jancker und Kirsten, die wohl wuchtigste aller möglichen Kombinationen für die deutsche Offensive. Ribbeck setzt auf seinen Ost-Sturm gegen England. Jancker, der lange Kahlkopf aus Mecklenburg im Duett mit dem gedrungenen Kraftpaket aus Sachsen. Es sind dies die beiden wohl besten Strafraumspieler der Bundesliga, ihr Einsatz war heftig gefordert worden. Jetzt kommt er, aber keineswegs, weil der Teamchef umgedacht hat.

Der Schlüssel zur Veränderung heißt Oliver Bierhoff. Der Kapitän und bisherige Sturmführer hatte am Vorabend auf einer "nicht gelungenen Veranstaltung" (DFB-Mediendirektor Niersbach) "einen Stich verspürt - ohne Feindberührung", wie Ribbeck tags darauf erklärt. Jetzt trägt Bierhoff eine Verletzung mit sich herum, die Mannschaftsarzt Schmitt einen Muskelfaserriss nennt, dem Patienten aber das Gefühl gibt, "einen Tennisball in der Wade zu haben". Bierhoff sagt sonst nicht mehr viel am Tag nach dem Kirmeskick, der zur Freude, weil im Geburtsstädtchen des DFB-Präsidenten Braun, stattfand. Eine genaue Diagnose werde noch erstellt, wenn Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt wieder eintrifft. Spielen aber wird er gegen England nicht können und auch nicht am Dienstag gegen Portugal. Danach ist vielleicht (wahrscheinlich) schon alles vorbei.

Ribbeck nimmt die Nachricht, dass sein Kapitän ausfällt, auffällig gelassen zur Kenntnis. "Natürlich bin ich nicht begeistert. Aber es wird doch, bitteschön, jeder verstehen, dass ich denen, die jetzt spielen, das Gefühl geben werde, dass sie absolut gleichwertig sind." Ganz schön clever, der Teamchef.

Die Kapitänsbinde wird am Sonnabend Torhüter Oliver Kahn tragen. Nicht Lothar Matthäus, der Mann, dem Ribbeck bei der EM eine Chefrolle zugedacht hatte. Spätestens seit er am Mittwoch seinen Rücktritt angeboten hat, ist das Renommee des Rekordnationalspielers in der Mannschaft nur noch das eines Mitläufers. Durch seine Aussage, er sei gegen Rumänien nicht hundertprozentig fit gewesen, habe aber Spielpraxis gebraucht, hat Matthäus weiteren Kredit verspielt. Dennoch hat Ribbeck das Rücktrittsangebot abgelehnt. Was zu einem Ruck durch die Mannschaft hätte führen können, jagte dem Teamchef eher einen Schrecken ein. "Der Lothar ist hier. Noch Fragen?" Nein, keine Fragen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben