Deutsche Paralympioniken : Unsere Helden

170 Paralympioniken aus Deutschland treten in Peking an. Viele sind zum ersten Mal dabei. Vier Jahre lang haben sie hart trainiert – neben dem Job, vor und nach der Schule. Weil sie gewinnen wollen.

Rita Nikolow
Biene
Vielseitig. In Athen holte Claudia Biene Silber im Diskuswurf. 2008 startet sie außerdem im Weitsprung, Speerwurf und über 100...Foto: imago

Sie sind ehrgeizig, diszipliniert und zäh – doch die Nerven liegen blank. Kurz vor Beginn der Paralympics am 6. September, bei denen 4 000 Teilnehmer aus 150 Nationen antreten, werden auch die deutschen Sportler nervös:

Claudia Biene

Sie will in Peking weit fliegen – beim Weitsprung, und außerdem auch in den Disziplinen Speerwurf, 100 Metern und Diskus gut abschneiden. In Athen hat Claudia Biene in dieser Disziplin schon Silber geholt. Vor 20 Jahren musste ihr nach einer Krebserkrankung ein Oberschenkel amputiert werden. Drei Jahre saß sie danach im Rollstuhl. Heute läuft die ausgebildete Logopädin mit einer Prothese.

Paralympics 100 m Brust Bruhn
Medaillenhoffnung. Kirsten Bruhn ist Leistungsschwimmerin, seit sie zehn Jahre alt ist. Auch nach einem Motorradunfall hat sie...Foto: dpa

Kirsten Bruhn


„Ich bin ziemlich fertig, aber so soll es laut Trainingsplan auch sein“, sagt zum Beispiel Kirsten Bruhn, die 2004 in Athen vier Medaillen geholt hat, über 100 Meter Brust sogar einmal Gold. Seit einem Motorradunfall vor 17 Jahren ist die 38-Jährige querschnittsgelähmt. Glücklicherweise ist die Lähmung inkomplett, und die Schwimmerin kann sich – wenn auch mit größter Mühe – an Krücken fortbewegen.
Das Schwimmen hat Kirsten Bruhn geholfen, diesen Einschnitt in ihrem Leben zu verkraften. Schon seit ihrem zehnten Lebensjahr betreibt sie Schwimmen als Leistungssport. Wenn sie nicht im Becken trainiert, arbeitet die Sozialversicherungsfachangestellte bei der AOK Schleswig-Holstein. Wie fast alle deutschen Paralympioniken kann sie vom Sport allein nicht leben – und muss eine Balance finden zwischen Schwimmtraining und ihrem Job. Ein Kraftakt, für den sie immer wieder belohnt wird: 2004 und 2005 wurde sie zur „Behindertensportlerin des Jahres“ gewählt.

Willig
Hohes Trainingspensum. Nikolai Willig feiert in diesem Jahr seine Paralympics-Premiere.Foto: imago

Nikolai Willig


Zwischen zwei Welten pendeln muss auch der 18-jährige Nikolai Willig. Sechs mal die Woche beginnt er seinen Tag lange vor Schulbeginn mit Schwimm- und Krafttraining: Seine Beine und sein rechter Arm müssen ausgleichen, dass er als Zehnjähriger nach einem Starkstromunfall seinen linken Arm verlor. Die Spiele sind Nikolais erste Paralympics. Dafür ist er im Bundesleistungssportzentrum Hohenschönhausen schnell – und weit – geschwommen: Bis zu 80 Kilometer in der Woche.

Paralympic Day in Berlin - Weitsprung - Katrin Müller-Rottgardt
Diesmal soll es klappen. Katrin Müller-Rottgardt will in China weit springen. In Athen hat sie vor vier Jahren dreimal nur knapp...Foto: dpa

Katrin Müller-Rottgardt


Die Leichtathletin Katrin Müller-Rottgardt hingegen war schon bei den Paralympics 2004 in Athen dabei. Dreimal ist die 26-Jährige dabei ganz knapp an einer Medaille vorbeigeschrammt und belegte zwei vierte und einen fünften Platz. Sie glaubt, dass es auch dieses Mal eng werden könnte: „Wir liegen alle sehr eng zusammen“, sagt die sehbehinderte Physiotherapeutin, die in Spandau in einem Pflegeheim arbeitet. In China tritt sie in vier Disziplinen an: dem 100-, 200- und 400-Meter-Lauf sowie im Weitsprung.

Paralympics Tischtennis Gold für Holger Nikelis
Die Nummer zwei der Welt. Tischtennisspieler Holger Nikelis steht auf Platz 2 der Weltrangliste.Foto: dpa

Holger Nikelis


Aus Athen hat Holger Nikelis seine erste Goldmedaille mitgebracht. Verdient hat er sich das Edelmetall an der Tischtennisplatte. Dort hat der 30-Jährige auch schon vor seinem Unfall viel Zeit verbracht. Seit er sich 1995 bei einem Sprung ins Meer den sechsten Halswirbel brach, jagt der Fachinformatiker vom Rollstuhl aus nach den Bällen. Seine Beine sind seit dem Unfall komplett, die Arme eingeschränkt gelähmt. Der Tischtennisschläger muss deshalb an seinem Handgelenk festgebunden werden. Trotzdem steht er im Moment auf Platz 2 der Weltrangliste.

Schmermund
Treffsicher. Sportschützin Manuela Schmermund bringt zwei "Walthers" mit.Foto: dpa

Manuela Schmermund


Ein großer und ein kleiner „Walther“ sind die Reisebegleiter von Manuela Schmermund: Der große ist ein Luftgewehr, der zweite eine Kleinkaliber-Waffe des gleichnamigen Herstellers. 1992 hatte die Sportschützin einen Verkehrsunfall, seitdem schießt sie vom Rollstuhl aus. In Athen holte sie zwei Medaillen: Gold mit dem Luftgewehr, Bronze mit der Kleinkaliberwaffe.

Mester
Klare Ziele. Mathias Mester wünscht sich für China Bestleistungen.Foto: imago

Mathias Mester


Mathias „Matze“ Mester motiviert sich mit Musik fürs tägliche Training. „Ich höre die Charts rauf und runter“, sagt der 22-Jährige , der im Moment eine Ausbildung zum Bürokaufmann macht. Mathias Mester ist kleinwüchsig – und hält in seiner Klasse den Weltrekord im Speerwurf, Diskuswurf und Kugelstoßen. Für Athen wünscht er sich neue persönliche Bestleistungen. „Und vielleicht ein paar Medaillen“, sagt das Vereinsmitglied des TSV Bayer 04 Leverkusen. Zu sehr unter Druck setze er sich aber trotzdem nicht. Denn bei seinen ersten Paralympics will „Matze“ auch „Spaß haben“ und einiges „über Kultur lernen“, sagt er, der 2007 von Bundeskanzlerin Angela Merkel als „Behindertensportler des Jahres“ ausgezeichnet wurde.

Peking 2008 - Paralympics - Katharina Krüger
Rollstuhltennis. Katharina Krüger aus Berlin hat die Qualifikation geschafft.Foto: dpa

Katharina Krüger


Deutschlands Nummer eins im Rollstuhl-Tennis ist Katharina Krüger. In China will die 18-Jährige eine Medaille holen – in ihrer Sportart hat sie es unter die besten 15 geschafft, die bei den Paralympics starten dürfen. Dafür hat die Berliner Gymnasiastin sogar ihr Abitur verschoben – und wird die zwölfte Klasse im kommenden Schuljahr wiederholen. Seit sie sieben ist, spielt Katharina Krüger, die mit einem offenen Rücken (Spina bifida) auf die Welt kam, Rollstuhltennis. Und zwar beim Verein der Zehlendorfer Wespen, die ihre Top-Spielerin mit einem Förderverein auch finanziell unterstützen: Die Reisen zu Turnieren sind teuer.

Teuber
Champion. Radsportler Michael Teuber hat vor vier Jahren aus Athen zweimal Gold mitgebracht.Foto: imago

Michael Teuber


Finanzielle Sorgen muss sich auch Michael Teuber nicht machen: Der Radrennfahrer kann sich im Moment durch Sponsorengelder ganz auf den Sport konzentrieren. Daran, dass er überhaupt noch einmal aufs Rad steigen könnte, war nach seinem Autounfall 1987 lange Zeit nicht zu denken. Die Ärzte sagten dem Abiturienten ein Leben im Rollstuhl voraus – denn er war querschnittsgelähmt: Wie Kirsten Bruhn glücklicherweise inkomplett: Im rechten Oberschenkel war ihm eine minimale Restfunktion geblieben. Michael Teuber begann noch in der Reha, hart zu trainieren.  In Athen hat Teuber auf dem Rad zwei Goldmedaillen geholt. Und auch kurz vor Beginn der Paralympics in China ist er „zuversichtlich“, aber auch etwas angespannt. Und der Betriebswirt engagiert sich nicht nur im Sattel für die Behindertenspiele: Er ist auch einer von weltweit elf paralympischen Botschaftern. Für Michael Teubers Tochter sind die Behinderungen ihres Vaters ganz normal. All jenen aber, die im ersten Moment verschämt zur Seite schauen, wenn sie auf Menschen mit Handicap stoßen, können die 170 deutschen Athleten in China zeigen, was sie sind: Hochleistungssportler. Trotz Behinderung.

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