Deutsche Schriftsteller als Fußballer : Ein Match im wohl gefährlichsten Stadtviertel Brasiliens

Deutsche und brasilianische Schriftsteller haben sich zusammengetan - für ein Fußballspiel in der Maré, der größten und gefährlichsten Favela von Rio de Janeiro. Das Match soll die Lage entspannen. Eine Reportage.

Lucas Vogelsang
Die Autoren folgten der Einladung in ein Stadtviertel, das seit zwei Monaten von der Armee besetzt ist. Foto: dpa
Die Autoren folgten der Einladung in ein Stadtviertel, das seit zwei Monaten von der Armee besetzt ist.Foto: dpa

Alemao bedeutet: Der Deutsche.

Alemao bedeutet: Der Fremde.

Alemao bedeutet: Der Feind.

Am Mittag, in einem Restaurant an der Copacabana, sitzt noch die Angst mit am Tisch. Angst vor dem Unbekannten. Angst vor den Bildern, die man schon zu kennen meint. Angst, vielleicht auch das, vor der Angst selbst.

Niemand aus dem Süden Rios würde je freiwillig in den Norden fahren, sagt ein brasilianischer Journalist. Das ist, sagt ein anderer, keine Zuckerpuppen-Favela. Er würde da keinen Fuß reinsetzen.

Genau das aber möchten die Deutschen an diesem Tisch: Füße in die Favela setzen. Viele Füße. Füße in Fußballschuhen. Sie werden dort bereits erwartet.

Eine Woche vor Beginn der WM ist die deutsche Autorennationalmannschaft auf Einladung des Goethe-Instituts nach Sao Paulo gereist, um hier gegen eine Auswahl brasilianischer Schriftsteller anzutreten. Nun soll, hier in Rio de Janeiro, aber zuvor noch ein ganz anderes Spiel ausgetragen werden. Deutsche und Brasilianer gemeinsam gegen eine Auswahl aus Bewohnern des Complexo da Maré und Mitgliedern der UPP, der Befriedungspolizei, die sich dort noch immer nicht gezeigt hat.

Es ist eine Einladung in ein Stadtviertel, das seit zwei Monaten von der Armee besetzt ist. In ein Stadtviertel, das einige Journalisten nicht ohne schusssichere Westen betreten. Denn Schüsse, die fallen noch immer.

Das kann man sich, hier an der Copacabana, kaum vorstellen. Die Gewalt, nur wenige Kilometer entfernt.

Rio aber, das ist eben auch die Stadt der Gegensätze. Nord und Süd. Arm und Reich. Am Morgen noch ging der Blick von der Plattform der Christus-Statue über die Stadt, die Wolken ein Teppich zwischen den Hügeln. Cidade Maravilhosa. Ihr habt Rio von oben gesehen, sagt der Brasilianer am Tisch, nun seht ihr das echte Rio. Von ganz unten.

Dann steigt auch er in den Bus. Füße in Fußballschuhen.

Die Maré: 140 000 Menschen auf nur 10 Quadratkilometern

Der Complexo da Maré ist die größte Favela Rios. Vielleicht ist sie auch die gefährlichste, härteste, kaputteste. Sicher kann man da nicht sein. Der Schrecken ist ein Titel, der jede Woche neu vergeben wird. Die Maré, 140 000 Menschen auf nur 10 Quadratkilometern, gezwängt zwischen die Avenida Brasil und die Linha Vermelha, Hauptverkehrsstraßen. Der Weg zum Flughafen, die Hauptschlagader für den Tourismus, führt an jenen improvisierten Häusern vorbei, die als Rückzugsort für die Drogenhändler, die Traficantes, gelten. Das Böse, das Chaos. Zu nah. Zu sichtbar.

Anfang April kamen deshalb die Panzer, kam die Armee. 2700 Soldaten. Der Complexo da Maré ist eine horizontale Favela, sie ist leichter zugänglich als jene, die an den Hügeln kleben. Sie eignete sich gut für eine Demonstration der staatlichen Stärke.

Die Regierung nennt es Befriedung. Die Menschen in der Maré nennen es: Besatzung.

Rio, das hat der Komponist Tom Jobim gesagt, ist nichts für Anfänger. Der Complexo da Maré ist Rio für Fortgeschrittene. Wenn ein Bus voll Amateure von der Avenida Brasil in eine der Seitenstraßen biegt, ist es ganz gut, jemanden zu haben, der die Regeln kennt.

Die Stadien der Fußball-WM
Das berühmte Maracana in Rio de Janeiro. Hier findet am 13. Juni das Endspiel der Fußball-WM statt. Foto: dpaAlle Bilder anzeigen
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11.06.2014 14:30Das berühmte Maracana in Rio de Janeiro. Hier findet am 13. Juni das Endspiel der Fußball-WM statt.

Julio lebt in Rio, seit er denken kann. Er hat sich das hier ausgedacht. Dieses Spiel. Er, die Haare weiß, die Augen schmal, ist Torwart, Autor, Journalist. Er hat dem Spiel auch seinen Namen gegeben, seinen Sinn: „Aqui ninguem e alemao“

Niemand hier ist ein Fremder.

Niemand hier ist ein Feind.

Niemand hier ist Deutscher.

Julio möchte zeigen, dass die Favela mehr ist als die Drogen, das Chaos, die Gewalt. Er sagt aber auch: „Für die Menschen hier ist es, als lebten sie in einer Militärdiktatur.“

Deshalb hatte er die Idee: Polizisten und die Jungs aus dem Viertel gemeinsam in einem Trikot. Annäherung für zweimal 30 Minuten.

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