Deutsche schwimmen hinterher : Milliardär gesucht

Wie kommen die Deutschen, von denen in Peking nur Olympiasiegerin Britta Steffen überzeugte, wieder an die Weltspitze? Eine Lösung lautet: Geld

Frank Bachner[Berlin]
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Vergeblicher Kraftakt. Helge Meeuw und die meisten seiner Kollegen blieben in Peking weit unter ihren Möglichkeiten.Foto: AFP

Annika Lurz hat schon wieder Lust, sich aufs Fahrrad zu schwingen oder zu joggen. Für Stefan Lurz, ihren Mann und Trainer, ist das ein gutes Zeichen. Es kann bedeuten, dass die Schwimmerin Annika Lurz, Vize-Weltmeisterin über 200 Meter Freistil, nicht im tiefen Frust verharrt. Es kann aber auch bedeuten, dass sie ihre Karriere fortsetzt. Nach Platz 22 bei den Olympischen Spielen, nach einer miserablen Zeit, ist das nicht so sicher. „Aber ich lasse sie entscheiden“, sagt Lurz. Die angehende Lehrerin Annika Lurz ist jetzt 28 Jahre alt, sie steht am Scheideweg. Sport oder Job?

Stefan Lurz stellt sich noch eine ganz andere Frage. Eine, die sich viele Schwimm-Experten und andere Beobachter stellen: Wie kommen die deutschen Schwimmer wieder an die Weltspitze? Britta Steffen gewann zweimal Gold, das schon, aber der Rest des Teams schwamm meist weit hinterher.

Die Frage steht im Raum, aber ein einziges Erfolgsrezept, an dem sich alle orientieren können, das ist nicht vorhanden. Stattdessen gibt es verschiedene Philosophien. Die Philosophie von Stefan Lurz ist relativ einfach: „Die Spitzenathleten müssen finanziell abgesichert werden. Dann können sich sich auf ihre Ausbildung oder ihr Studium und auf ihr Training konzentrieren.“ Klar könne man jetzt viel über Trainingsteuerung und Psychologie reden, sagt Lurz, alles richtig. Letztlich sei ja auch Annika Lurz aufgrund mentaler Probleme in Peking gescheitert. Aber der entscheidende Punkt reduziert sich für ihn auf ein Wort: Geld.

Er wird ja neidisch, wenn er sich andere Nationen anschaut. In den USA arbeiten die Universitäten schon ewig mit Spitzensportlern zusammen, das Studium ist eng auf den Sport abgestimmt. „Da gibt es nicht so viele Prüfungen wie bei uns, und bei diesen Prüfungen drückt man auch mal ein Auge zu“, sagt er. Lurz weiß das von Jan Wolfgarten aus seiner Würzburger Trainingsgruppe. Wolfgarten trainierte und studierte sechs Jahre in Florida. Der US-Schwimmverband überweist jedem A-Kader-Athleten monatlich 1500 Dollar, jeder B-Kader-Athlet erhält 1000 Dollar. In Deutschland erhalten die Spitzenleute nur Geld, wenn sie bei Wettkampfhöhepunkten gut abgeschnitten haben. Annika Lurz bekam nach der WM 2007 für ein Jahr 4800 Euro. Jetzt, als 22., wird sie wohl keinen Cent mehr erhalten, vermutet Lurz. Also muss sie ihr Geld noch mehr als bisher über Antrittsgelder bei Wettkämpfen verdienen. Doch die passen oft nicht ins Trainingskonzept ihres Gatten.

Briten und Holländer trainieren als Profis

Die Holländer haben ihr Profi-Team in Eindhoven, das von einem Elektrokonzern gesponsert wird. Alle Staffel-Olympiasiegerinnen von Peking trainieren dort. Und die Briten schwimmen förmlich im Geld. 70 000 Pfund pro Jahr , sagt Lurz, zahle der Verband jedem Nationalmannschaftsmitglied. Damit verpflichtet sich aber auch jeder Sportler, das knallharte Training des Chefcoachs mitzumachen. Der hieß bis Frühjahr Bill Sweetenham und kassierte angeblich 250 000 Pfund im Jahr. Das Geld kommt aus Lotteriegeldern, Steuermitteln und von privaten Sponsoren. Der Erfolg: Die Briten holten zwei Mal Gold und einmal Bronze, und Rebecca Adlington verbesserte über 800 Meter Freistil den 19 Jahre alten Weltrekord. Genauso bedeutsam: In zehn Einzel-Finals standen Briten.

Geld, das ist auch Manfred Thiesmann ein Schlüsselwort. Mit Geld könnte man Athleten absichern und zu hartem Training verpflichten, mit Geld könnte man endlich Heimtrainer vernünftig bezahlen. „Eine Traumvorstellung“, sagt der Bundestrainer, der in Ruhestand geht. Mit Steuermitteln sei das nicht zu finanzieren, das ist ihm auch klar, Schwimmen bräuchte jemanden wie Dietmar Hopp, den Milliardär, den Sponsor des Fußball-Bundesligisten Hoffenheim. Der Rest der Verbesserungen wären fachspezifische Details. Thiesmann plädiert für eine Art Bundesliga im Schwimmen. Dann würde klar, wer zu den besten Trainern gehört. Und zu denen könnten dann diverse Sportler wechseln.

Mehr Geld? Davon hält Örjan Madsen, der scheidende Cheftrainer der deutschen Schwimmer, wenig. „Damit ist man nicht automatisch schneller“, sagt der Norweger. „Die wichtigste Frage bleibt: Wie trainiert ein Sportler? Mit welcher Einstellung?“ Dass die meisten seiner Athleten in Peking enttäuschten, hat für ihn wenig mit Geld zu tun. Stattdessen: mentale Probleme, schlechte Trainingssteuerung, Mängel in der Technik. „Entscheidend aber“, sagt Madsen, „ist es, wie der Trainer mit seinem Athleten arbeitet. Wie ist das Vertrauensverhältnis?“ Wenn das nicht geklärt ist, sagt Madsen, „bewegen wir uns nur in Mäuseschritten“.

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